Reportage

5. Januar 2017 Kontext

Konzentriert steht Jürgen Tobegen vor drei Quadratmetern weißer Leinwand. Gedankenleer wird er impulsiv und frei bildhafte Schriftzeichen malen, Kalligrafien, eine jahrtausende alte Kunst. Er wird allein seinen Körper mit Gesten sprechen lassen und damit den Moment vor dem formulierten Gedanken darstellen. Ausreichend gegenständlich, um alles zu sagen, denn konkreter wäre zu wenig. Und weniger will er nicht.

Schon während seiner Jugend in Neumünster, einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands, wollte er ausdrücken, was er fühlte. Aber das geschriebene Wort war sein Feind. Nicht nur, weil er als Legastheniker eingeordnet wurde, sondern auch, weil ein Wort nur einen Teil seiner Empfindung wiedergab und damit zu unpoetisch war. Er erfand Wörter, die unbegrenzter waren. „Strararaßenkreuzer“ bedeutete für ihn „großes Auto“. Seine Lehrer mochten das nicht.

Wie auch sein Vater, ein Musiker, dem verboten war, einer zu sein. Ein überkorrekter Schriftsetzer, der pedantisch seinen Sohn ständig verbesserte, wenn er „falsches Deutsch“ redete. Beim Schreiben umso mehr. Ein Vater, der seinem Sohn vorlebte, Verbote zu akzeptieren und zu resignieren. Anders als sein Kunstlehrer, der sein Talent erkannte, ihn unterstützte, förderte, in Theatergruppen führte und ihn politisierte. „Mein Vater sagte, er habe mich auf den falschen Weg gebracht – und für mich war das genau das richtige.“ Später, während seiner Lehrzeit, traf sich Jürgen Tobegen regelmäßig in einem Partykeller mit Freunden und sie rauchten, tranken und hörten laute Musik der 68er, seiner Zeit. Inspiriert durch dieses Gefühl von Sex’n’Drugs’n’Rock’n’Roll malten sie auf Druckerpapier mit Druckerfarbe, die einer von ihnen mitgebracht hatte. „Die Befreiung begann mit der abstrakten Kunst. Es war wie ein Rausch, weil sie mir all‘ die Freiheit gab, die ich vorher nicht leben durfte.“

Im Marxismus fand Jürgen dann eine philosophische Beschreibung seines Gefühls der Selbstentfremdung. Eine globale Antwort auf eine persönliche Frage. Sein individueller Protest wurde ein gesellschaftlicher und er trat mit 18 Jahren in die KPD/ML ein. Sechs Jahren später wurde er zudem Vorsitzender der parteiinternen Jugendorganisation KJD. Er arbeitete hier und blieb dabei, bis sich die Welt Ende der 1980er Jahre politisch verrückte und er den Blick abwandte.

Streng atheistisch erzogen von seinem bibelfestem Vater, suchte er weiter und fand sich in die östliche Spiritualität hinein; uneins mit Marx, für den die Befreiung nur gesellschaftlich zu erkämpfen sei. Für Jürgen Tobegen ist sie individuell. Mit Mitte 30 zog er nach Berlin und fand zurück zur Kunst. Nun aber war ihm „wildes Drauflos-Malen“ zu wenig, denn er erkannte, dass er das Abstrakte zu begrenzt und damit langweilig fand. Er entdeckte die Kalligrafie, sein Weg aus dem „Vor-bewussten“ zu malen, seelische Inhalte, auf die das Bewusstsein nicht sofort zugreifen kann. Den Moment, in dem alle Gedanken gleichzeitig da und Gefühle noch nicht eingeordnet wurden. Sein Ziel? Im Unpräzisen noch eindeutiger werden.“

 

 

KONKRET IST ZUWENIG

Atelierbesuch der freien Journalistin Christina Praus (kiezundkneipe) – August 2015 –

 

(Oniline-Ausgabe www.kiezundkneipe.de)