Soheit – ist mehr als Wahrheit erlaubt

2. Dezember 2018 NICHTNICHTBILDER

10 Thesen zur Kalligrafie der wilden Semiose

 

1. Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt“. Der sanfte Flügel, der alle Menschen Brüder werden läßt, ist in der „Ode an die Freude“ ein Subjekt: Gott. Im jüdisch-christlichen Verständnis wurde der Mensch von einem himmlischen Subjekt als dessen irdisches Objekt, wie von einem Bildhauer aus Lehm geschaffen. Diesen religiösen „Gott-Mensch-Bezug“ der Wirklichkeit setzt Schiller in seiner Ode in einen „Idee-Mensch-Bezug“, mit dem der Mensch zum Subjekt und die Freude sein Objekt wird. Die materialistische Aufklärung machte daraus ein „säkulares Ding“, den Fortschritt zum „Ding-Mensch-Bezug“, der sich durch den technologischen Fortschritt gegenwärtig in einen „Algorithmus-Mensch-Bezug“ verwandelt. Die alte Wahrheit „Im Anfang war das Wort“ gilt nicht mehr und die neue Wahrheit „Im Anfang ist die Zahl“ (der Algorithmus) greift noch nicht, da drängt sich eine ewig junge Wahrheit auf: Die SOHEIT. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ohne Objekt-Subjekt-Bezug. Denn selbst wenn alle kulturellen Objekt-Subjekt-Bezüge wegfallen, wir die Wirklichkeit nicht über einen Gott, die Idee, das Ding, den Algorithmus decodieren, bleibt immer noch die Wirklichkeit, in der Materie eine „Natur der Körper“ und in ihr eine „Natur des Geistes“, mit denen wir intuitiv die unfassbare Wirklichkeit sinnlich-geistig wahrnehmen, begreifen und dabei instinktiv zum Begriff: Eine verhaltenssteuernde Wahrheit finden. Gäbe es die irrationale Vernunft der Soheit nicht, wir könnten keine rationale Vernunft finden, weder ein Symbol (Gott), den Begriff (Vernunft), noch die Zahl (Algorithmus) als Wahrheit annehmen. Die wilde Semiose zeigt, dass die „Vielfalt in der Einfalt“ kein Zufall, die Normalität im „Universum Realität“ ist, das zur Uni-Form, zur „Einfalt in der Vielfalt“ wird, wird Wahrheit theistisch verstanden. Die Vielfalt hingegen ist keine Erfindung, sie ist die „Natur des Geistes“, der sanfte Flügel der freien Assoziation, der alle Menschen Geschwister werden läßt.

2. Der Mensch liest nicht nur Zeichen, die er selbst setzt, er sieht auch Zeichen, die er nicht gesetzt hat. Er sieht diese Zeichen in der Natur, bei anderen Menschen und entdeckt sie im eigenen Handeln als Signatur oder Setzung einer spontanen Tat. Auf diese Tat-Sachen greift die „écriture automatique“ zurück, die zunächst ein literarisches Phänomen, das Schreiben ohne verhaltenssteuernden Begriff war und dann in der bildenden Kunst zum Bilden ohne festgelegte Zeichen wurde. Dabei kommen zwei Wahrheiten zum tragen. Die Materialität von spontanen Pinselstrichen, Klecksen oder gerakelten Flächen, trägt den seelisch-geistigen Affekt des Körpers, dessen Fügungen, Rhythmen und Klänge noch in sich. Sie lebt, ist einmalig, selbst wirksam, ein Begreifen noch ohne Begriff, nicht technisch, nicht wiederholbar. Doch die „Neurografie“ des Genervten ist öffentlich. Die „écriture automatique“ spielt mit dem Affekt und Effekt des Denkens. Plastisch erleben wir vor unseren Augen, was sonst hinter den Augen geschieht, wie Welt im Kopf entsteht. Denn die Welt, die wir erleben ist immer ein gedoppelte Welt. Es ist die stoffliche Welt, die wir körperlich, sinnlich-geistig begreifen und unsere Bildung, die Welt der Bilder und Begriffe. Dabei kommt es zu interessanten Verwechselungen, die den Zauber der Kunst ausmachen. Der Mensch glaubt, dass die Bildung seine Freiheit ist, weil er hier das Stühle rücken selbst in der Hand hat. Doch diese Freiheit ist eine Illusion. Der Zwang den die Kognition – die Verhaltenssteuerung – auf uns ausübt ist erheblich größer als der Zwang der Sinnlichkeit. Andererseits führt ein Loslassen des Gebildeten zur Erkenntnis, wie die Welt in unserem Kopf entsteht, was einen spielerischen Umgang mit der Realität ermöglicht. So befreit der sanfte Flügel der freien Assoziation, die „Maieutik“ (Hebamme) der Kunst, den Geist aus seiner Uni-Form, der theistischen Wahrheit. So sagt Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in der vollen Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch wo er spielt“.

3. Das Auge sieht von Innen nach Außen während alle anderen Sinne – Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken, Denken – in der umgekehrten Richtung: vom Weltaußen in das Weltinnen wahrnehmen. Mit ihnen können wir in uns hineinhören, -fühlen, -riechen, -schmecken, -denken, nur hineinsehen können wir nicht. So reflektiert das Auge ein Außen getrennt vom Innen, während die Intuition der übrigen Sinne weder Innen noch Außen kennt. Mit dem Sehen steht der Mensch der Welt gegenüber, während die anderen Sinne ein Mittendrin realisieren. Dieser Stand bildet den Verstand, der vom Ewigen: dem Äon“ ausgehend erfahrungsbasiert (empirisch) oder von der Zeit: dem Telos“ ausgehend faktenbasiert (evident) denkt. Geht er vom Äon“ aus ist das Nicht-Wissen sein All-Wissen. Er weiß, dass er nichts weiß. Nicht weil er nichts weiß, weil das Wissen seiner Sinne in unterschiedliche Richtungen zeigt. So ruht der Verstand in sich selbst – meditiert – bis er entscheiden kann. Anders der auf ein Telos“ ausgerichtete Verstand. Er hat keine Zeit zur Meditation, er ist die Projektion des Ewigen zur Zeit, die, kaum ist sie da keine Zeit hat und ihr Ziel, kaum ist es erreicht dennoch verfehlt. Weil die Zeit sich vom Ewigen und das Ziel vom Hier und Jetzt gelöst hat, so dass sie nur noch sich selbst als Korrektiv haben und das will immer Höher, Schneller, Weiter. Dabei verwandelt die Projektion den Geist vom Äther zum Ding und das im „Sein“ verankerte „Ich“ in ein zum „Haben“ verpflichtetes „Ego“. So dass ein „zweites Ich“ – die Habgier – den Menschen regiert und das Vollkommene“ und Willkommene“, das die Geburt als „Äon“ (Nicht-Ich) an den Anfang der Geschichte gesetzt hat, vom „Telos“ zum Über-Ich entkoppelt an das Ende der Geschichte projiziert wird, wo es als „Prinzip Hoffnung“ das „Paradies auf Erden“ verspricht und nicht realisiert, weil es ja immer noch ein Höher, Schneller, Weiter und den Zusammenbruch gibt.

4. Von der „Mutter Erde“ zum „Vater Himmel“, vom „Weltgeist“ zum „Zeitgeist“, zum „Internet der Dinge“, wird dem einst „heiligen“ inzwischen „smarten“ (geschäftstüchtigen) Geist unterstellt ein Weltenschöpfer (Demiurg) zu sein, der mit dem Algorithmus nicht nur neu berechnet, zur „Weltverbesserungsmaschine“ wird. Denn der Geist hat bei seiner Rochade von der Erde zum Himmel zum Ding die „dritte Welt“ verschluckt, die der idealistische Demiurg der „absoluten Idee“ noch als „Paradies“ (bei versagen „Hölle“), „Nirvana“ (bei versagen „Wiedergeburt“) für die Seele vorgesehen hatte. Dagegen hat der materialistische Demiurg eine säkularisierte Dualität, ein materielles Außen und immaterielles Innen gesetzt. Der technologische Demiurg verfolgt mit der „künstlichen Intelligenz“ nun ein anderes Geschäftsmodell. Seine Welt – ob materiell oder immateriell – ist datenbasiert, „virtuell“ – der Möglichkeit nach zwischen Himmel und Erde als „unio mystica“ – Einheit im Einen vorhanden, mit dem Weltmonopol als allwissenden Gott. Dabei hat die materialistische Aufklärung große Erfolge vorzuweisen. Sie hat den Gott vom Himmel auf die Erde geholt und aus der zweidimensionalen Gott-Teufel-Welt eine dreidimensionale gemacht, in der der Geist mit einer eigenen Historie (Tiefe) vollständig im „Diesseits“ verankert ist und dafür kein „Jenseits“ mehr benötigt. Dadurch wurde aus der nur „zweitbesten Lösung“, die die Welt für die Religionen vom Hinduismus bis Islam ist, die beste aller Möglichkeiten, die weder mit einer „Hölle“ noch der „Wiedergeburt“ droht. Den versprochenen „Himmel auf Erden“ ist sie hingegen schuldig geblieben, dafür hat sie in zwei Weltkriegen, dem Holocaust und Gulag die „Hölle auf Erden“ etabliert, die sich nun im asymmetrischen Cyberwar fortsetzt. Weil das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wurde. Das unscheinbare „Etwas“, das die „dritte Welt“ eben doch ist. Bezieht man sie als Transzendenz in die Säkularisierung mit ein wird aus dem „Jenseits“, das sie in der Religion war und in der Psychologie noch immer ist, endlich die Soheit: Die „Vielfalt in der Einfalt“.

5. Vielfalt (Körper), Klarheit (Geist) und Harmonie (Seele) haben keinen Schöpfer. Wir können Körper, Geist und Seele zeugen und gebären, doch ein Schöpfer, der Erfinder von Körper, Geist und Seele werden wir dadurch nicht. Wir können dem Universum nichts absolut neues hinzufügen, nur etwas altes neu sehen. Und außerhalb der Organik, deren Teil wir ewig sind, kann es keinen Schöpfer geben, er wäre synthetisch und hätte mit dem organischen Ganzen nichts zu tun. So müssen wir nichts tun, Vielfalt, Klarheit und Harmonie sind vorhanden. Das „von Selbst“ und das Selbst sind eins, sie bilden die existentielle „unio mystica“ – die Einheit im Einen, im Nicht-Ich“. Pränatal haben wir die Einheit im Einen als „Zweieinheit“ erlebt und dabei die Soheit“die zwecklose Erkenntnis der Wirklichkeit ohne Subjekt-Objekt-Bezug kennengelernt. Postnatal wird daraus die „Wahrheit“, die zweckhafte Erkenntnis eines Subjekt-Objekt-Bezuges, mit dem sich die „unio mystica“ in den Körper, das Ich, den Geist, das Selbst und die Seele, das Nicht-Ich differenziert. In das „Seelenmodell“: Bewusst (Ich), Vorbewusst (Selbst), Unbewusst (Seele), von dem Freud zunächst ausging, als er noch intuitiv nach der Seele forschte. Da dies wissenschaftlich nicht zu einer objektivierbaren Seele führt, verwarf er es wieder und versuchte die Quadratur des Kreises. Etwas nicht materielles, nie geborenes, was nur als Innen existieren kann, das Weltinnen, sollte für das Weltaußen, vom Weltaußen als ein Weltaußen begreifbar werden. So deutete er die Archetypen der griechischen Mythologie als „psychologische Wahrheit“, entwickelte ein „Strukturmodell“, nach dem das Ich als Triebbündel zwischen Tier (Es) und Gott (Über-Ich) verortet ist.

6. Das erste Bewusstsein das der Mensch von der Welt hat ist pränatal, ein in der Welt sein ohne von der Welt zu sein. Wir kennen die Welt bevor wir eine Weltanschauung von ihr haben, doch es ist eine andere. Eine Welt in die wir uns hineingehört, gefühlt und geahnt haben. Entbunden in die „wahre Welt“ der Formen wird das Selbst gleich doppelt enttäuscht. Das pränatale Selbst hatte das Selbst gelehrt, dass sich die Welt von selbst ohne Subjekt-Objekt-Bezug einstellt und plötzlich war es auf die Bindung an eben diesen Subjekt-Objekt-Bezug angewiesen. Pränatal war es in einer „Zweieinheit“ herangewachsen und plötzlich postnatal mit „Einsamkeit“ konfrontiert. Was für ein Schock, was für ein Trauma. Das ehemalige Mittendrin war zum Außenseiter geworden, der seine Innenseite verloren hatte und erst entdecken musste, dass postnatal die Innenseite in ihm ist. Lediglich die Bindung an die Mutter erinnerte noch das Davor. Der Verstand wird die Anbindung später „Heimat“ und „Identität“ nennen, doch die Intuition vergisst das „a priori“ nicht, die vor der Welterfahrung gemachte Erfahrung, den pränatalen „Anfängergeist“. Es erinnert eine andere Heimat und Identität: Das „Nicht-Ich“. Den evolutionären Prozess, der in der Eizelle aus dem Samen ein „Ich“, den „Menschen“ geformt hat. Im Resonanzraum „Lebenleben“, der pränatal die „Zweieinheit“ im Uterus war und postnatal, entbunden in die Welt der Sterblichkeit wieder eine „Zweieinheit“ ist: das „Lebenleben“. Das Selbst kann beides, sich in die Welt hinein verlieren und den Moden der Zeit folgen oder das Ohr am Puls des Lebens haben und die „Zweieinheit“ in sich, das Selbst im Selbst finden. Folgt es dem „Lebenleben“ hat es eine sichere postnatale Bindung bis in den Tod, bis in den raumlosen Raum des Nicht-Seins. „So lange du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde“ (Goethe).

7. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, sagt Marx und unterstellt ein objektives Sein, das theoretisch möglich, praktisch ein subjektives Da-Sein ist. Ein Da-Sein im heiligen Geist, das aus dem unvollkommenen weltlichen Sein aussteigt, weil es an ein vollkommenes Sein in Gott oder dem reinen Geist glaubt? Ein Da-Sein im aufgeklärten Welt- oder Zeitgeist, das idealistisch aus der von Gott unvollkommen gelassenen „Schöpfung“ den Auftrag zur Vollendung ableitet oder materialistisch ihn mit einem in die Evolution hineinprojizierten „Fortschritt“ begründet, der im Kern nihilistisch ist und ins Nichts führt? Oder ein Da-Sein im existentiell raum- und zeitlosem Geist, das die unvollkommene Vollkommenheit der Existenz als große Weite und nichts Heiliges erlebt? Das wäre ein Sein ohne Haben, das Erich Fromm meint, wenn er fragt: „Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere was ich habe?“ Dann bin ich die evolutionäre Selbstwirksamkeit“ des Lebens, die körperlich „Trieb“, geistig „Wille“ und spirituell „Intuition“ ist und „jeder günstige Augenblick, den mich ein liebendes Geschick von Grund aus läßt genießen“ (Goethe). Das „Lebenleben“, das pränatal einen „Resonanzkörper“ und postnatal den „Resonanzraum“ bildet, in dem Körper, Geist und Seele ihre „Selbstwirksamkeit“ erfahren. Diese evolutionäre Kraft, die subversiv alle festgelegten Ordnungen unterläuft, finden wir in der spontanen Tat, so auch im nicht-gelenkten Ductus der Hand. Dessen Fügungen schaffen Tat-Sachen und mit ihnen Soheit, die mehr weiß als die Wahrheit, die vom Verstand aufgeklärte Tatsache der gelenkten Hand. Dessen Duktus (mit k) folgt der „offenkundigen Harmonie“, dem Start in den Staat. Der „Freiheit für alle“ garantiert, wenn er demokratisch ist, doch selbst dann fördert und fordert er nicht die „Natur des Geistes“. Er ignoriert die „verborgene Harmonie“ der Existenz, weil die „Kultur des Geistes“ für ihre Statik und Statistik effektive Fakten braucht. So verliert er sich in die „offenkundige Harmonie“ seiner Verfassung – in ein „Haben des Habens“, das sich zynisch über das „Sein ohne Haben“ stellt.

8. Die falsch verstandene Aufklärung“ der Moderne befreit den Menschen aus den Zwängen der Natur, indem sie die Vernunft: den verhaltenssteuernden Begriff über das sinnlich-geistige Begreifen stellt. So thront der „Demiurg“ nicht mehr im Himmel, wird der Mensch zum Gott auf Erden. Die Moderne war nie ein absichtsloses Begreifen der Existenz, wie es vor zweitausendfünfhundert Jahren in der von Carl Jaspers so genannten „Achsenzeit“ der Fall war, als mit Laotse, Buddha, Zarathustra, Heraklit und Sokrates ganz ohne Internet und Telekommunikation eine „Weltmoderne“ der Aufklärung begann. Die technische Moderne war von Beginn an eurozentristisch und interventionistisch. Schon die idealistischen Aufklärer (wie Hegel) übersetzten den heiligen Geist“, der im christlichen Verständnis mit Symbolen aus dem Jenseits die Welt regiert, in einen „Weltgeist“, der als absoluter Geist“ den Menschen dazu befähigt Kraft seines Denkens (Das Denken bestimmt das Sein) ein „Demiurg“ zu sein. Den materialistischen Aufklärern (wie Marx) reichte es nicht die Welt nur neu zu interpretieren, sie deuteten den evolutionären „Weltgeist“ in einen revolutionären „Zeitgeist“ um, der von der Natur entkoppelt Technik gebunden ist. Doch der „Demiurg“ dieser historischen Mission sollte nicht die Technik, sollte das „Proletariat“ werden, das jedoch die nach der Vision „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ ihm auf den Leib geschriebene Rolle der revolutionären Avantgarde“ nicht annahm. So übernahm das nach marxscher Definition „anarchische Kapital“ den Part und machte die zweite Natur“, allein die Technik zur Weltverbesserungsmaschine“, für die die „künstliche Intelligenz“ intelligenter ist als der Mensch. Womit wir ein neues „Im Anfang“ haben. Jetzt ist im Anfang nicht mehr das Wort, jetzt ist es die Zahl, die berechnet der Computer schneller, ergo ist die künstliche Intelligenz das neue „Ich denke, also bin ich“. Dazu wusste Nietzsche schon zu sagen: „Wahrheiten sind Illusionen, über die man vergessen hat, dass sie welche sind.“

9. Die „Vertikalspannung“ im Denken, dessen Ausrichtung auf einen „Demiurg“, zerlegt den in der „Horizontalspannung“ beheimateten Menschen in einen „heiligen“ oder „reinen Geist“, der als „Übermensch“ in einer „Überwelt“ über der „Unterwelt“, dem „Untermensch“ im „Schattenreich“ der Triebe und Sinne thront. Da ist das Wort, das bei Gott war und demnächst die Zahl, die aus dem Großrechner kommt, die „Himmelsleiter“. Da ist es möglich, dass eine „künstliche Intelligenz“ zur „Weltverbesserungsmaschine“ wird. Anders in einem Denken der „Wiederkehr des immer Gleichen (von Ohngefähr). Da ist der Computer ein Spielzeug und der Roboter eine Puppe. Da ist der Begriff vom Begreifen nicht zu trennen. Da ist das Denken der sechste Sinn und die sinnlich-geistige Erkenntnis das Bewusstsein. Da geht das Bewusstsein vom „von Ohngefähr“, dem ältesten Adel der Welt aus. Da denkt der Geschmack, wie das Denken schmeckt. Da ist das: „Ich denke, also bin ich“ Blödsinn, weil es ein: „Ich bin, also denke ich“ ist. Da denkt der ganze Körper, so dass die Neurologie nichts neues entdeckt, wenn sie sagt: Bevor das Ich denkt wissen die Neuronen was es denken wird. Schon Nietzsche schlug vor „Es denkt“ zu sagen. Denn der Gedanke kommt nicht wenn das Ich es will, er kommt wenn er will. Aber selbst das Es verwarf Nietzsche. Woher weiß ich was Denken ist? Vielleicht ist es „Wollen“ oder „Fühlen“? Eines unterscheidet das Denken jedoch von den übrigen Sinnen, das ist der „Begriff“. Mit ihm veräußert sich das geistig-sinnlich Begriffene, ist es verschriftlicht ein „Ding“, das von allen Seiten betrachtet und bearbeitet werden kann. Mit dem Begriff erschafft der Mensch sich seine Welt. Im sinnlichen-geistigen Verständnis kann der Begriff sich dabei nicht vom Begreifen lösen, fällt das Geistige immer wieder auf das Sinnliche zurück. Selbst wenn er es und sich gleich mit digitalisiert, er kann die Natur in sich nicht überwinden, die Erde nicht untertan machen. Umgekehrt thront kein Geist weder im Himmel noch im Rechner über ihm, weil er untrennbar Teil des Einen, der „Natur des Geistes“ ist.

10. Das Renaissance-Bild hat den Fotoapparat hervorgebracht, das abstrakte Bild die künstliche Intelligenz und die gegenwärtigen Denkbewegungen der Pinsel und Rakel in den Ateliers deuten auf eine Post-Post-Moderne hin, in der die „Natur des Geistes“ neu, weder metaphysisch noch physisch, ohne Subjekt-Objekt-Bezug aus dem Vorbewussten verstanden wird. Die bildende Kunst wird den Nachweis antreten, dass die „künstliche Intelligenz“ keine „kreative Intelligenz“ ist. Sie ist lediglich das Berechnen von etwas Vorhandenem, Synthetik, die sich als „dumm“ erweist, weil es weder eine künstliche noch dumme Intelligenz gibt. Intelligenz ist das Wissen des Nicht-Wissens, Neusehen, spontan, natürlich: Die „verborgene Harmonie“ des Absichtslosen. Mit dem Auge den Klang hören, dem Ohr die Denkfigur sehen. Mit der Haut verstehen was der Geschmack sagt. Mit der Nase sehen, was das Ohr verschweigt. Das kann nur natürliche Intelligenz und ihr Kind, die Kreativität – das „dritte Auge“ des Vorbewussten. Das nie geboren wird, nie stirbt und im „Hier und Jetzt“ die „Vielfalt in der Einfalt“ realisiert. Mit diesem Wahrnehmen der Wirklichkeit ohne Subjekt-Objekt-Bezug durch die Intuition ist jeder Mensch ein Künstler. Mit ihm bricht der Mythos vom Schöpfertum in der Kunst zusammen. Der immer das glatte Gegenteil war: Das Einfangen der Vielfalt in der Einfalt, die Ikonisierung des Gemachten zum Kult, zur Kultur. So dass das Gemachte seine Macht gegenüber dem Lebendigen behauptet bis die „Natur des Geistes“ sie der Dummheit überführt. Diese Erkenntnis, sowie das Wissen wie Trugbilder entstehen und vergehen, ist nicht neu. Allein die Weisheit wurde in der östlichen Hemisphäre als Arkanwissen geheim gehalten und hat als Esoterik keinen Zugang zum westlichen Kunstverstand erhalten. So ist die „intuitive Kunst“ im religiösen Kontext als „Ritual“, im ästhetischen als „Malprozess“, als „nicht-selbständige Kunst“ verortet. Bis „Die Natur des Geistes“ den Kunstverstand geläutert hat.

 


Der Begriff SOHEIT übersetzt den Sanskrit-Begriff „Tathata“, der für eine direkte und unmittelbare Wahrnehmung der Wirklichkeit durch die Intuition ohne Objekt-Subjekt-Bezug steht. Damit ist die SOHEIT der Gegenpart zur WAHRHEIT, die ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit an die Reflexion eines Objekt-Subjekt-Bezuges, materialistisch an das Ding der Erkenntnis, idealistisch an einen Gott bindet.