Die Wiederkehr der „Nudes“

6. November 2018 Bodytext

 

 

 


 

„Durchdrungen vom Lebenshauch in nur einer einzigen Bewegung“, gelang es mir schon 2003 „Erscheinung und Substanz“ zu erfassen. Ganz so wie es in der Tradition der Taoisten von den Kalligrafen in China verlangt wurde. Im Gegensatz zu den Konfuzianern sahen sie die „kosmische Ordnung“ nicht in der mit „Fischnetz und Schlinge“ fassbaren Form. Sie folgten dem unfassbaren Lebenshauch, der nicht durch den Kalligrafen, durch ihn hindurch geschieht…

Ich habe den spontanen Strich, der unfassbar dem Lebenshauch folgt, nicht gesucht. Ich habe ihn gefunden. Ich habe entdeckt, dass meine Hand nicht nur effektiv kann, genauso affektiv, nachdem meine „kosmische Ordnung“ in Gestalt einer dogmatischen politischen Überzeugung und ich gleich mit ihr zusammengebrochen war. Da erinnerte ich mich, dass ich als Kind Künstler werden wollte und das Verbot meines Vaters mit ein Grund dafür war, die Revolution zu wagen. Auf einmal hatte ich einen undogmatischen Strich, der meinen Augen etwas ungeheuerliches sagte: Die Hand ist klüger als der Verstand…

Das „Erkenne dich selbst“ stürzte mein Ego in eine tiefe Krise. Ich hatte Mut, wie Kant es forderte, den eigenen Verstand zu benutzen, handelte „nur nach derjenigen Maxime, durch die (ich) zugleich wollen (konnte), dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. So war ich Berufsrevolutionär geworden und wäre es noch immer, hätte mich ein „Burnout“ nicht eines besseren belehrt: Der Verstand ist nicht der Allwissende, als der er sich gebärdet, nicht der Ersatzgott, für den eine „falsch verstandene Aufklärung“ ihn hält…

Doch wer bin ich, was ist meine Gebärde, dass sie sich über die Aufklärung erhebt?…

Für mich war nach dem Austritt aus „der Partei“ die Weltordnung komplett durcheinander geraten. Ich fragte mich nicht nur warum der Sozialismus gescheitert ist, warum ich gleich mit ihm scheiterte? So wandte sich meine Erklärung intuitiv von einer Theorie ab, die, wie der Marxismus, das Sein ausschließlich aus dem seienden Sein erklärt, mit dem Satz: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, das nicht seiende Sein als nicht existent erklärt. Da ich, dank meines Vaters ohne Gott aufgewachsen bin, suchte ich auch nicht nach einem neuen Symbol für die „dunkle Seite des Mondes“. Mir war lediglich wichtig, dass sie existiert und das nicht irgendwo als Jenseits, hier und jetzt als Diesseits unserer Existenz. So verspürte ich eine große Nähe zur chinesischen Weisheit, die als einzige weltweit nie einen Gott hervorgebracht hat. Doch mit ihr steckte ich augenblicklich in der „Sackgasse der Erleuchtung“. Wo immer ich auch landete, ich wollte Aufklärung richtig verstehen und hatte dafür meine ganz persönliche Maxime: „Durch Verwirrung zur Klarheit“. Nur „gelebtes Wissen“, kein isoliertes Wissen, weder der „Heilige Geist“, die „Erleuchtung“ oder „künstliche Intelligenz“, allein das „Lebenleben“ kann das „Trugbild“ aufklären…

So blieben die Bilder im Archiv, sie waren zu dieser Zeit nicht nur stofflich, auch geistig schlecht gerahmt…

Dann lehrte mich die „ècriture automatique“, aus der inzwischen der „Weg des Pinsels“ geworden war, dass Ost und West nicht nur Himmelsrichtungen und Weltanschauungen, auch Hemisphären im Gehirn sind und ich suchte den Dialog zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte, schließlich ihre Synchronizität. Doch die Mauer zwischen den Welten blieb…

Bis es zur Entfremdung von der selbstgewählten Entfremdung kam, ich den Kalligrafiepinsel aus der Hand legte und mich mit dem Rakel, einem großflächigen Spachtel, bei mir sind es einfache Holzleisten, wieder in eine westliche Tradition des „Informel“ stellte. Dabei ging ich weiter undogmatisch vor und folgte wie die Kalligrafie mich lehrte absichtslos dem Lebenshauch. Aus der solipsistischen Linie wurde nun ein Gewebe oder Geflecht – aus der expressiven Wissen schaffenden Geste eine impressive landschaftliche Ahnung…

Da geschah mit mir, was Marina Abramovic in ihrer gleichnamigen Autobiografie „Durch Mauern gehen“ nennt…

Mein ganzes Leben war Kampf, ein Kampf gegen Mauern, zum Schluss gegen die Ost-West-Mauer, die, wie die chinesische Mauer, unverrückbar in der Welt standen. Mit Marx habe ich versucht die „versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen (zu) zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt!“ Was nicht nur mir, nicht gelang. So wurde ich zum Künstler, nahm Pinsel und Rakel in die Hand und aus „versteinerten Verhältnissen“ wurde die „Mauer im Kopf“ und aus ihr schließlich das „torloses Tor“, indem ich unmittelbar und direkt erlebte, dass die Intuition und die Reflexion, das Bewusste und das Unbewusste, Ost und West, Eine-Welt-Ein-Körper-Ein-Geist, das Lebenleben ist…

Was ist da passiert? „Die Kunst erweitern? Nein“, hat Paul Celan gesagt, (…) geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“ „Sich selbst zu studieren bedeutet sich selbst zu vergessen“, heißt es im ZEN. Genau das habe ich getan. Zunächst habe ich gegen Entfremdung gekämpft, daraus wurde mein Kampf für Selbstbestimmung, bis auch dieser Kampf Krampf wurde, weil er lediglich die materiellen Mauern in geistige verwandelte. Da habe ich kapituliert. „Positive Kapitulation“ nennt die Gestalttherapie das, was das Leben automatisch macht. Steht es vor einer unüberwindbaren Form wechselt es zur Gestalt, zum Lebenshauch, damit es weiterleben kann. Schritt für Schritt rückt Bewusstsein nach…

So habe ich das Primat der Wahrheit durch das Primat der Soheit ersetzt. Die Wahrheit ist die Vernunft der Form. Mit ihr verlässt der Geist das „bildliche Denken“, entbindet er sich symbolisch gesprochen von der „Mutter Erde“, psychologisch gedeutet von der „Gestalt des Begreifens“ und wird zur „abstrakten Form“, zum „begrifflichen Denken“ fähig. Diese „Transaktion“, mit der sechzig Prozent unseres Bewusstseins künftig brach liegen, weil die Wahrnehmung der Wirklichkeit bildlich bleibt, nennen wir „Fortschritt“, der als „Technik“ situativ dem Menschen ein Überleben unabhängig von der Natur ermöglicht. Doch zu welchem Preis? Der vom Menschen selbst geschaffene „Vater Himmel“ braucht die Wahrheit – die Reduktion der Wirklichkeit auf einen Begriff – als Gott. Er kann sich vom „Gott der Wahrheit“ abwenden, wie es die Aufklärung tat, doch er erschafft dabei automatisch einen neuen Gott der Wahrheit, weil das begriffliche Denken ohne Wahrheit keinen Objekt-, Subjektbezug hat, so dass der Begriff zur Leerform wird, von der keine Verhaltenssteuerung ausgeht. Damit das nicht passiert verehrt die Moderne „Fortschritt“ und „Wachstum“ als Gott, der säkularisiert nicht nur Luft und Liebe, den handfesten Maximalprofit verspricht…

Doch es gibt eine andere, eine existentielle Vernunft, mit der bereits das Baby ausgestattet ist, weit bevor das „Im Anfang war das Wort“ sein Bewusstsein erreicht, es wissen kann was Form und Wahrheit sind…

Kant hat das pränatale Wissen, das sich „Fischnetz und Schlinge“, der Reichweite von Logik und Technik, den Instrumenten und Algorithmen entzieht, „a priori“ (vor der Welterfahrung) genannt. Kant war davon überzeugt, dass das „a posteriori“ (aus der Welterfahrung) Denken der Aufklärung, ein „a priori“ hat und braucht. Doch sein Denken stand in der Tradition der westlichen Aufklärung, die sich mit der Verschriftlichung durch Platon von „Weltall, Erde, Mensch“ der „Staatsidee“ zugewandt hat. So gelang es ihm nicht die „kopernikanische Wende“, den naturwissenschaftlich vollzogenen Abschied von der Erde als Scheibe und Mittelpunkt des Universums, geisteswissenschaftlich in seiner „Transzendentalphilosophie“ zu Ende zu denken. So ist das „Paradies“ mit der Aufklärung lediglich vom Anfang an das Ende der Geschichte gerückt und hat den Glauben, wir gehen mit der Säkularisierung nicht nur von der Welterfahrung aus, wir basteln uns mit der Erkenntnis gleich eine „Neue Welt“, zum Fortschritt erhoben. Der „Neuen Welt“ folgte der „Neue Mensch“, ihm die „Weltverbesserungsmaschine“. Dieser Logik folgend setzten Marx und Engels den Kommunismus an das Ende der Geschichte, gehen heute die „Big Five“ (Facebook, Apple, Amazon, Google, Netflix), dem gleichen gescheiterten Duktus folgend, vom Mensch als „Cyborg“ eines digitalen Universum aus, das sie im Silicon Valley design. Statt endlich die „Maya“, das „Trugbild der Kognition“ zu überwinden und die „Erlösung“ im bewussten Sein zu finden. Nur mit ihm ist Zukunft jetzt…

Ausgestattet mit dem „Vorbewussten“ des Mutterleibes, mit einem „In der Welt sein, ohne von der Welt zu sein“, kommen wir auf die Welt und bleiben, wenn auch unbewusst, mit ihm verbunden. Diese Bindung nennen wir „Spiritualität“ und meinen ein „immanent-transzendentes-Bewusstsein“, das über die Welterfahrung hinaus sehen kann. Im Sanskrit wird diese Wahrnehmung der Wirklichkeit ohne Objekt-, Subjektbezug „Tathata“ (Soheit) genannt und die Gestalttherapie nennt das gleiche Phänomen schlicht „Gestalt“. Gemeint ist stets die Wahrnehmung einer „Intuition“, die Ahnung von Wirklichkeit, bevor „Intelligenz“ sie reflektiert und die „Idee“ sie adressiert…

Dabei hat der weltweite Siegeszug der Digitalisierung uns vor Augen geführt, dass es das Original und die Kopie von Intuition, Intelligenz und Idee gibt. Die Kopie nennt sich „künstliche Intelligenz“ und verkleidet mit diesem Werbeslogan maschinelles Denken, das von der Intuition verlangt sich automatisch einem vorinstallierten Objekt-, Subjektbezug zu beugen, damit die Idee größtmöglicher Effektivität erreicht werden kann. Beim Militär heißt das „Befehl und Gehorsam“, in der Ökonomie „Rationalisierung“ und der Theologie „Sündenfall“, mit dem der Geist sich von sich, vom „von SELBST“ abwendet…

Die Natur des Geistes ist spontan. Die Intuition nimmt nicht nur ohne Reflexion, auch ohne Objekt-, Subjektbezug Wirklichkeit wahr. Mit ihr sehen, hören, fühlen wir etwas, von dem wir nicht wissen was es ist, für das wir keine Form haben, das weder in Worte, Bilder, Symbole, Zahlen, Algorithmen passt und trotzdem eine verhaltenssteuernde Kraft hat, mehr als die Wahrheit der begrifflichen Vernunft, weil der nicht begreifbare Lebenshauch nachhaltiger ist als die manipulierbare Form, die sich vor ihn stellt…

So ergab es sich, dass ich jüngst im Museum für Fotografie im Foyer Helmut Newtons „Nudes“ sah und vor den Ikonen westlicher Kunst meine nackten langbeinigen Striche als Nudes“ erinnerte, sie wieder hervorholte, neu rahmte und ausstelle…

 

 

 


 

2003 „NUDES“ (von links nach rechts): „Rechtsherum“, „Bis an den Rand“, „Unerwartet lange Beine“, „Lang & Spitz“, „Schlanke Ranke“, Chinatusche auf Reispapier, auf Baumwolle geleimt, 75x180cm