Ost-Westlicher Diwan

5. Mai 2020 Bodytext

Bildende Kunst erforscht Welt-Anschauung, MalerInnen denken mit dem Pinsel in der Hand, ihre Gedanken sind Farben und Formen, ihre Aufmerksamkeit der Nerv der Zeit. Im Atelier suchen sie ein „Neues Sehen“, das Gesellschaft verändert, wenn der entdeckte Virus ansteckend ist. Die exakte Wiedergabe des Realen durch das gegenständliche Bild hat vor vierhundert Jahren das feststellende Auge zum wichtigsten Sinnesorgan in der säkularisierten Welt gemacht und mit dem Abbild das vergleichende Denken durchgesetzt. In der Folge wurden daraus Fotoapparat, Kamera, Fernseher und Mikroskop. Mit ihm trat die Analyse des Festgestellten in den Vordergrund, richtete sich der Blick nach Innen. Die Malerei antwortete mit dem „geistigen Sehen“ und „abstrakten Bild“ und nahm bereits vor hundert Jahren das Neue, das programmieren mit analysierten Teilen, die binäre Ästhetik des Internets vorweg. Und ohne ein Bild, das „mit allen Mitteln der Kunst nichts schildert“ (Gerhard Richter), hätten wir keine Derivate, die aus Nichts als Nichts, aus dem Zeitverlauf einer Transaktion, an der Börse Kapital schlagen. Gegenwärtig erleben wir durch die Digitalisierung und den Klimawandel erneut eine Zeitenwende: Es geht für den Menschen nicht mehr weiter wie bisher! Schreitet er fort mit der „Forma Technica“ oder sieht er die „Figura Originis“ – den Geist der Natur neu? In meinen Bildern und Texten ist die Entscheidung gefallen. Der „Ost-Westliche Diwan“ rückt wie Goethes vor zweihundert Jahren geschriebenes „Westlich-östlicher Divan“, den Menschen wieder stärker an die Natur heran, doch will anders als Goethe nicht das Sehen „der Alten“ zurück, kein zurück zum „Über-Ich“ der Vor-Moderne, das noch nicht über war. Ein neues Sehen in der Nach-Moderne kündigt sich an, das den „Übermensch“ durch das „aus sich rollende Rad“, das Ich durch das „Nicht-Ich“ ersetzt.

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