AUTOPOIESE

 


DAS EINRÄUMENDE NICHT(S)

 Die heilende Kraft der Phantasia


 

Wir neigen dazu, in einer Welt der Gewißheit, von unbestreitbarer Stichhaltigkeit der Wahrnehmung zu leben, in der unsere Überzeugungen beweisen, daß die Dinge nur so sind, wie wir sie sehen. Was uns gewiß erscheint, kann keine Alternativen haben. In unserem Alltag, unter unseren kulturellen Bedingungen, ist dies die übliche Art, Mensch zu sein. …

Es ist so, als ob es ein Tabu gäbe, das besagt: „Es ist verboten, das Erkennen zu erkennen.“ Aber in Wahrheit ist das Nichtwissen darum, wie sich unsere Erfahrungswelt aufbaut, die in der Tat das Naheliegenste unserer Existenz ist, ein Skandal. Es gibt viele Skandale auf der Welt, aber diese Unwissenheit ist eine der größten. …

In diesem Sinne werden wir ständig festzustellen haben, daß man das Phänomen des Erkennens nicht so auffassen kann, als gäbe es „Tatsachen“ und Objekte da draußen, die man nur aufzugreifen und in den Kopf hineinzutun habe. Diese Feststellung (,dass es keine von der Wahrnehmung isolierte Welt gibt -Einfügung von mir) bildet das Fundament von allem, was wir zu sagen haben werden. …


Die positive Kapitulation der Vertikalspannung

Oder: Die „erweiterte Denkungsart“


Die Erfahrung von jedem Ding „da draußen“ wird auf eine spezifische Weise durch die menschliche Struktur konfiguriert, welche „das Ding“, das in der Beschreibung entsteht, erst möglich macht. …

Diese Zirkulation, diese Verkettung von Handlung und Erfahrung, diese Untrennbarkeit einer bestimmten Art zu sein von der Art, wie die Welt uns erscheint, sagt uns, daß jeder Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt. …

Und weil diese Wurzeln bis in die biologischen Grundlagen unseres Seins hineinreichen manifestiert sich dieses Hervorbringen in all unseren Handlungen und in unserem ganzen Sein. (…) Es besteht keine Diskontinuität zwischen dem Sozialen und dem Menschlichen sowie deren biologischen Wurzeln. Das Phänomen der Erkenntnis ist eine Ganzheit, es ist in allen Aspekten in der gleichen Weise begründet. …

Der Kern der Schwierigkeiten mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Verkennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen. Es ist nicht das Erkennen, sondern das Erkennen des Erkennens, das verpflichtet. Es ist nicht das Wissen, das eine Bombe tötet, das das Töten verhindert, sondern das, was wir mit der Bombe zu tun beabsichtigen. …

Blind für die Transzendenz unseres Tuns, verwechseln wir das Bild, dem wir entsprechen möchten, mit dem Sein, das wir tatsächlich hervorbringen. Dieses ist der Irrtum, den nur das Erkennen der Erkenntnis korrigieren kann.“

So weit die chilenischen Neurobiologen Maturana und Varela, die 1984 in ihrem gemeinsamen Buch „Der Baum der Erkenntnis – Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens“Autopoiese als die Selbstentfaltung des Lebendigen analysieren, durch die Welt objektiv für die Lebenden nicht als „Ding da draußen“ existiert.


Das Begehren ist wesentlich das Begehren des Anderen.“

(Jacques Lacan)


Im biblischen Kontext steht der Biss in den Apfel vom „Baum der Erkenntnis“ für den „Sündenfall“, für die Abkehr des Menschen vom Schöpfergott. Stellvertretend für die naturwissenschaftliche Aufklärung steht dafür Charles Darwin, der den Gott aus dem Bild genommen hat, doch nicht die Vertikalspannung nach der aus niederen Wesen durch Auslese höhere Wesen, schließlich als höchstes Wesen der Mensch hervorgeht. Sodass nicht das Geschick der Selbstentfaltung, die Kausalität des Geschickten, der „Übermensch“ als Schicksal (Nietzsche) prägend wurde. 

Für diesen fatalen Trugschluss der Aufklärung machen Maturana und Varela, wie einst die Propheten der Bibel den Biss in den Apfel vom Baum der Erkenntnis verantwortlich. Doch anders als Gott vertreiben sie die Erkennenden nicht aus dem Paradies der geistigen Gestalt, sie fordern im Gegenteil dazu auf, auch noch in den Apfel vom Baum des Lebens zu beißen. Sodass aus dem Herabsehen ein Sehen aus der Erkenntnis ein Erleben, aus ihm endlich ein „Erkennen der Erkenntnis“ wird. Das allein zur positiven Kapitulation der Vertikalspannung, in den transzendentalen Horizont des Lebens überführt.

Nur so werden sich die vertikalen Probleme lösen lassen, wird es eine Abkehr von der höher, schneller weiter Begierde geben, von der die Existenz der Menschheit heute abhängt. Wenn jeder Mensch in seiner eigenen Welt lebt, kann „die Welt da draußen“ weder durch Technik, Aufklärung oder Religion definiert, die gemeinsame Welt sein. Dann ist der alles vereinende Universalismus allein die Selbstentfaltung der Autopoiese, die aus Chaos und Ordnung durch Synchronizität Welten formt.

Die geistige Gestalt als das einende Ganze ist nicht die Begierde, nicht das höher, schneller, weiter der Vertikalspannung. Es ist der transzendentale Horizont, von dem die Gestalttheorie sagt: „Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile“ (Max Wertheimer). Das Ganze ist in jedem Teil ganz. Sehen wir ein Gesicht, sehen wir nicht Auge, Nase, Mund, in jedem Auge das Ganze. Wir sehen es in Nähe, Ähnlichkeit, Prägnanz, Geschlossenheit, Gleichzeitigkeit, Fortsetzung, Region, Verbundenheit und Geschick.

Martin Buber sagt über das einende Ganze, es ist unfassbar „nachbarlos“ und lässt das, was Religionen Gott nennen, den sie von einem „Du“ des Begehrens in ein „Es“, ein „Ding“ der Begierde verwandelt haben das Kriege führt, von dem vor Nietzsche bereits Hegel feststellte „Gott ist tot“, als „ewiges Du“ wieder auferstehen. „(…) Nicht als Ding unter den „inneren“ Dingen, nicht als Gebilde der „Einbildung“, sondern als das Gegenwärtige. Auf die Gegenständlichkeit geprüft, ist die Gestalt gar nicht „da“; aber was wäre gegenwärtiger als sie?“

Im Südafrika Mandelas reicht ein einziges Wort „Ubuntu“ und alle sehen, wissen, umarmen die Gestalt. Den transzendentalen Horizont „Ich bin, weil du bist.“ Die spirituelle Kraft, die sehend macht, Konflikte löst und Ängste überwindet, indem der Mensch sich, Selbstwirksamkeit erlebt. 

Folgen wir der transzendentalen Gestalt ist sie „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“.  Endlich mit dem Kant nach der praktischen Vernunft, der uns riet: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Heute lautet das Sapere aude („Wage es, weise zu sein“): Habe Mut mit der „erweiterten Denkungsart“ der ästhetischen Vernunft den Verstand zu überschreiten. Der Verstand gibt Halt durch Stand, bleibt geistig jedoch im Gestern stehen, wenn das freie Urteil der Phantasia das Denken in Fakten nicht erweitert.

So betoniert die Begierde aus dem Biss in den Apfel der Erkenntnis nicht nur den Planeten Erde zu, sie überzieht ihn mit Krieg, zerstört das Klima, die Meere und löscht nach unzähligen Arten die Spezies Mensch aus, wenn sie nicht vom Begehren, durch den Biss in den Apfel vom Baum des Lebens durch das einräumende Nicht(s) der Gestalt zum Tanzen gebracht wird. Allein der spirituelle Wind der Phantasia gibt auch der Malerei eine neue Zeit.

„Zum Behuf der Schönheit bedarf es nicht notwendig, reich und original an Ideen zu sein, als vielmehr der Angemessenheit jener Einbildungskraft in ihrer Freiheit zur Gesetzmäßigkeit des Verstandes. Denn aller Reichtum der ersteren bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor; die Urteilskraft ist hingegen das Vermögen, sie dem Verstande anzupassen.“ (Kant)    

Kunst ist ein Mittel, um die Begrenztheit des niederen Selbst zu überwinden und sich mit den kreativen Kräften des Universums zu vereinigen.“

(Novalis)

(JT, März 2026)