KUNSTBEGRIFF AUTOPOIESE

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Das Leben ist kein Etwas. Es ist sein im Sein. Das Seiende steht ihm nie gegenüber, ist immer mittendrin, ohne zu wissen, was das Sein ist. Die Seinsvergessenheit schenkt ihm das Leben, macht es zum Weg zwischen Geburt und Tod, Ein- und Ausatmen, Bindung und Entbindung. Nie kommt es an. Immer ist es Fluss. Kein Fluss im Fluss, in den wir (frei nach Heraklit) nicht zweimal steigen können. Es hat keinen Autor, keine Sprache ist Autor und Sprache durch sich selbst. Sprache der Autopoiese der an den Körper gebundenen Physiognomie, die sich in ihrer Selbstentfaltung nicht veräußert. Ohne feste Form ist und bleibt es ewig werden. So ist mein Anspruch, Körpersprache in Schrift zu verwandeln für den Kunstverstand die Herausforderung, vom Ufer des Alphabets in den Fluss der Autopoiese zu springen und wie Tanz den Bodytext zu erkunden. Denn das Leben in menschlicher Gestalt erschafft sich durch den Logos des Alphabets ein „zweites Ich“, das nach Heidegger „das erste überdeckt“. Nach Schopenhauer „petrifiziert es (am Grenzpunkt der Worte), ist fortan tot.“ So hat Kunst nicht nur nach meiner Überzeugung die Aufgabe, die versteinerten Verhältnisse durch „Spontanität“ und „Selbstbeobachtung“ zum Tanzen zu bringen. Das habe ich leidvoll und befreiend durchlebt, indem es mir nicht gelang, mich als Seiender dem Sein gegenüber als Autor zu behaupten. Und das kam so.


Die Poesie zwingt sich nicht auf, sie setzt sich aus.

Die Kunst erweitern? Nein. Sondern geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei.“

(Paul Celan)


Als Kind war mein Schicksal die Legasthenie. Warum es eine Schwäche beim Lesen und in der Rechtschreibung gibt, weiß ich nicht? Ich hatte bei der Geburt auch Klumpfüße, aus denen Knick-, Senk-, Spreizfüße wurden und weiß nicht warum. So habe ich nur drei Bücher in meiner Kindheit gelesen, von Astrid Lindgren, den „Kalle Blomquist“. Und meine Schwäche in der Rechtschreibung war äußerst kreativ. Sie wurde nicht als solche erkannt. Denn ich brachte streng entlang meiner Gefühle und Wahrnehmungen eine eigene Grammatik hervor. Sie war keine allgemeine, so hat es keine Schule interessiert. So ist mein erster mir aus der Kindheit bewusst gebliebener Gedanke „Alles ist umgekehrt“. Ich hatte den Verdacht, das Wort sagt nicht die Wahrheit und spürte ihm als Meisterdetektiv nach. Meine Recherchen als Kind ergaben: Das Wort ist ein „Stra-ra-raßenkreuzer“. Ein Symbol. Es steht stellvertretend für etwas anderes. So sagt es immer nur ein Teil der Wahrheit. Und wenn es behauptet, im Anfang war das Wort, dann lügt es. Vor ihm war das Bild. Dabei folgte mein Wahrheitsbegriff, wie ich später erfuhr, intuitiv der Korrespondenztheorie, die besagt wahr ist, wenn die gedankliche Vorstellung sich mit der Wirklichkeit deckt. So ist das Bild die Wirklichkeit, an dem die Wahrheit sich orientiert. Dabei dachte ich nicht an das reproduzierte Bild. Wir hatten erst sehr spät einen Fernseher, gingen nicht ins Kino und Fotos tauchten nur schwarz-weiß in meiner Erinnerung auf. Ich ging von der menschlichen Natur vor meinen Augen aus. 

So war ich selbstverliebt in eine Ahnung und habe mich mit meinem Bild dem Wort verweigert. Lieber habe ich mit Händen und Füssen gesprochen, mich in Worten überschlagen, als es in grammatisch korrekten Sätzen zu tun. Die Disziplinierung meiner Ahnung für das geschriebene Wort, um mit ihm etwas ins Fenster zu stellen, was man weder ist noch auf Lager hat, das ging für mich zu weit. Da steht mir das Gewissen, meine Ehrlichkeit im Weg. Doch gleichzeitig durfte der Konflikt zwischen mir und der Wirklichkeit auch nicht auffallen. Denn es gibt für ein Kind nichts Schöneres und zugleich nichts Grausameres als die Einsamkeit. Einerseits ist sie die Freiheit, der Schutzraum vor der Welt der Erwachsenen und andererseits die Falle, durch die es nicht gelingt, in der Welt der Erwachsenen anzukommen. So schämte ich mich dafür, dass ich das Bild ohne Autor kenne, nicht ich es mir es mich ausgesucht hatte. So war ich doppelt angepasst, ein Schüler voller Minderwertigkeitskomplexe. Bis in die Pubertät. Da kam der Frühling zu mir.

Noch an der Hauptschule entdeckte mein Kunstlehrer, der Name ist übertrieben, unser Schulfach hieß schlicht „Malen“, dass ich ein Gefühl für Farben habe und ermunterte mich in meiner Kreativität. So bekam ich in der Theater-AG die Hauptrolle und weil er mich und ich ihn gut verstand, ebnete er mir auch den Weg in das Statt-Theater Neumünster, das mit seinem lokalen Kabarettprogramm gerade Furore machte. Das war die Zeit, in der in der BRD die antiautoritäre Bewegung von den Großstädten aus auch die Provinz erreichte. Rudi Dutschke hatte zum Marsch durch die Institutionen aufgerufen und so erreichte mich in der Naturfreundejugend, zu der das Statt-Theater zählte der ML-Virus. In Eigeninitiative begann ich nun Marx, Lenin und Mao zu lesen und verstand: Ich bin ein entfremdeter Arbeiter. Zum ersten mal sagte für mich das Wort die Wahrheit. Damit war meine Einsamkeit nicht mehr persönlich, bekam sie mit dem Klassenkampf eine konkrete Utopie. In der Solidarität der Arbeiterklasse existiert die Klasse nur noch für sich, ist sie, so die reine Lehre des Marxismus an sich bereits überwunden. So bekam ich meinen Platz in der Welt der Erwachsenen.

Zunächst noch in der antiautoritären Bewegung mit Sex and Drugs and Rock´n´Roll. Mit wilder Malerei, Gedichten und Theaterspiel. Doch dann, als ich erkannte, hier setzt sich nur der Stärkere durch, der ich nicht war, da wusste ich, ich muss mich organisieren. In einer Arbeiterpartei. So ließ ich den antiautoritären Protest hinter mir und wurde Mitglied einer Kaderpartei, schließlich im leninschen Sinne zum „Berufsrevolutionär“. Mit bürgerlichem Namen ein hauptamtlicher Parteifunktionär. Das war ich 11 Jahre lang, Mitglied 16 Jahre, bis in mir die Überzeugung zusammenbrach, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Durch das Aufkommen der Frauen-, Anti-Atom-, Ökologie- und Friedensbewegung, später dem Parteibildungsprozess der Grünen, entstanden für mich zu viele Widersprüche, die sich mit der schlichten Antwort der Verstaatlichung des Privateigentums nicht mehr lösen ließen. Zudem versank die ML-Bewegung in der Bedeutungslosigkeit.

Hinzu kam die private Trennung von einer großen Liebe. Für sie gilt schon hier und jetzt, was der Marxismus sich für den Kommunismus aufgespart hat. Allein in der gelebten Solidarität ist der Widerspruch zwischen Mensch und Wirklichkeit aufgehoben. Alleine ist das unmöglich und nennst du nur eine Seele dein auf diesem Erdenrund sind gleich Millionen umschlungen. Wie Schiller es in seiner „Ode an die Freude“ dichtet. Doch warum? Weil gelebte Solidarität weder eine Idee noch ein Mensch ist. Sie ist die Überwindung des abstrakten Denkens durch das Mitgefühl, das die Lebenden mit dem Leben vernetzt und verbindet, indem das Leben nur in der Mehrzahl existiert, so keinem gehört. Sodass weder das Privateigentum noch die Verstaatlichung das Problem lösen, allein die Überwindung des Egos, mit dem der Mensch glaubt, der Autor des Lebens zu sein. So quälten mich Ausstiegsgedanken zwei Jahre lang, die ich weder äußern noch umsetzen konnte, weil sie mein Gelöbnis, lebenslänglich für den Kommunismus zu kämpfen brachen. So schleppte ich mich ins Parteibüro, bis mein Körper eine andere Entscheidung traf. In der Politbüro-Sitzung über den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution brach ich mit einem Burnout zusammen. Seinerzeit gab es den Begriff noch nicht. Für mich brach für einen kurzen Moment mein Kreislauf zusammen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich rutschte vom Stuhl unter den Tisch. Dort angekommen hat man mich auf eine Trage gelegt und ich sah, wie in einem Film mein politisches Leben vor mir vorüberziehen.

Wieder sprach das Bild ohne Autor nun als Leben ohne Drehbuch, mit mir, als Film mit existenziellen Folgen. Zu der Zeit lebte ich in einer WG und die Genossen brachten mich, der noch etwas benommen, doch wieder aufrecht und alleine gehen konnte, dorthin. In den Armen einer Mitbewohnerin weinte ich mich erst einmal aus. Nach über 12 Stunden Schlaf wachte ich auf und die Mauer, die mein Gelöbnis in mir hochgezogen hatte, war weg. Ich war frei und konnte nun aus meinem Leben machen, was ich wollte. Die gründliche Ausbildung als Kader einer kommunistischen Partei gab mir das Gefühl, das ich mich nun alleine durchsetzen kann. Ein halbes Jahr später, ich war nun nicht mehr Parteifunktionär und nicht mehr Mitglied der Partei, ich befand mich in meinem Sabbatjahr in einem Sprachkurs in der Türkei, da fragte mich ein Grafikstudent aus Istanbul, ob ich Lust hätte zu zeichnen. Drei Teilnehmer kamen zusammen und wir bekamen zunächst die Aufgabe, ein Stillleben aus Flaschen und Gläser abzubilden.

In mir wurde augenblicklich die Trotzbacke mobil und ich zeichnete unsere Dolmetscherin, in die ich mich verguckt hatte. Spontan mit freiem Strich entstand mein erstes Porträt. Alle waren begeistert und so konnte ich mich über Modelle nicht beklagen. Zurück in Deutschland war der freie Strich wie weggeflogen. Jetzt verlangte das Über-Ich in mir nicht spontan reflektiert zu zeichnen. Von jetzt auf gleich kehrte meine Ohnmacht zurück und ich war wieder der Versager, mit dem ich zu Beginn meines Lebens konfrontiert war. Wieder war es die Scham, die mich zur Anpassung zwang. In unendlich vielen Stunden versuchte ich anhand von Lehrbüchern richtig zeichnen zu lernen und es kamen nur tote Bilder dabei heraus. Wütend über mich selbst attackierte ich sie mit wilden Strichen. Und siehe da, sie begannen zu leben. Wieder sprach das Bild ohne Autor zu mir und ich verstand seine Botschaft: „Die Hand ist klüger als der Verstand.“  


Die Geschichte des Seins beginnt mit der Seinsvergessenheit, damit daß das Sein mit seinem Wesen, mit dem Unterschied zum Seienden, an sich hält.“

„Der Irrtum (ist) der Wesensraum der Geschichte.“

„Am Rätsel des Seins muß das Denken dichten.“

(Martin Heidegger)


Mit dem spontanen Strich hatte ich nun den Ariadnefaden gefunden, um das Labyrinth der Seinsvergessenheit zu durch schreiten. Denn im Anfang unseres menschlichen Seins ist weder das Wort noch das Bild. Im Anfang ist die Seinsvergessenheit des Seienden. Aus ihr kommen wir, in sie gehen wir und sind wir als Autor oder Verfasser des Seienden zu Hause. Sodass wir nur in den Momenten, in denen wir unsere Komfortzone verlassen, im Leben leben, beheimatet sind. Denn nur dann trägt uns „die Gnade des im Offenwerden Gehaltenseins“, wie Picasso sie nannte, die Autopoiesis des Lebens. Diese Momente des Mitgefühls, der Liebe, der Solidarität, des Geborgenseins im Flow der Selbstherstellung sind gar nicht so selten im Leben. Allein wir ignorieren sie. Die „Alten“, indem sie zu Gott in dessen Paradies strebten. Die „Modernen“, indem sie durch Besitz und Eigentum ihr Paradies auf Erden errichten wollen. So ersetzen wir Demut und Gnade durch den „Willen zur Macht“ und übersehen das Paradies der Lebendigkeit. Die Autopoiesis des Lebens, unser Gehaltensein im Offenwerden. Mit dieser Erfahrung der absoluten Freiheit in mir behaupte ich mich seitdem als Künstler gegen die eigene Erkenntnistradition die mich durch Reflektionen zum Erwachsenen gemacht hat.     

So verstand ich Laotses „Tun ohne Tun“, indem ich es mir mit dem spontanen Strich vor Augen führte. So entdeckte ich mit Rilke den „Weltinnenraum“ der Ahnung oder Intuition und verstand mit Goethe „Nichts ist drinnen, nichts ist draußen: Denn was innen das ist außen.“ Als dann auch noch Rilkes „Archaischer Torso Appollos“ in der Interpretation von Peter Sloterdijk zu mir sprach „Du mußt dein Leben ändern“ und vom unfassbaren ausgehen, da dachte ich, ich muss sterben. Wie oft hatte ich mein Leben schon verändert? Und nun sollte ich auch noch dem Nichts vertrauen und glauben, dass in den Momenten, in denen mein rationaler Verstand nichts mehr sieht, mein irrationales Bewusstsein mich sieht? Da dämmerte Laotses geheimnisvoller Satz „Könnten wir weisen den Weg, es wäre kein ewiger Weg“ in mir. So wurde aus dem Fluch der „Seinsvergessenheit des Seienden“ (Heidegger) der Segen meines Lebens. Denn nun verstand ich, dass die Albträume, die vierzehn Jahre lang mein Leben begleiteten, mein Verlorensein im atheistischen Denken waren, das mit dem irrationalen Gott auch das irrationale Leben hinter sich gelassen hat. Endlich ließ ich meinen, durch meinen leiblichen und meine philosophischen Väter aufgeklärten rationalen Verstand los, der glaubt, die reine Vernunft unseres Seins ohne Zweck und Ziel durch die praktische Vernunft aus Zweck und Leistung überwunden zu haben. So erkannte ich, wie ich vom ersten bis zum letzten Tag in einem geistigen Raum lebe, der meinen Traum realisiert. Nichts von meiner Natur, die der Funktionär in mir erfolgreich zum Schweigen gebracht hatte, war eingebüßt oder verloren. Die Blume, der Baum, das Tier, der Mensch, wir alle sind Bilder, die keinen Autor haben, solange wie wir uns kein Bild von uns machen oder durch uns produzieren. Machen wir das wird aus unserem nackten Dasein ohne Autor eine Identität, die uns vom Leben entfremdet.

Ausgehend von der Energie als Kraft und Trieb, ja Wille ohne Zweck und Ziel, ist das Urbild des Seins divers. Es sei denn, wir unterstellen der Energie einen Autor. Den sie nicht hat, sie ist im Fluss stetiger Wandel. Ein Feld aus Raum, Atmosphäre, Leere, Kraft, Atem, Wille, Trieb, Geist, Ursache, Wirkung, Zufall, Chaos, das in sich eine Folgerichtigkeit hat. Sie ist, was nicht verloren geht, was sich stets verwandelt, es sei denn, die Sonne erlischt und um sie herum wird alles dunkel und kalt. Dann gibt es das Sonnensystem nicht mehr. So ist das Bild von Himmel und Erde materiell, visuell, geistig spirituell Kraft und Anker der Körpersprache. Die mit Mimik und Gestik an den Ort gebunden in oraler Tradition verlautbar Wort wird, sodass aus dem körperlich gebundenen Sein eine Erscheinung wird, die sich als Welt verselbstständigt. So leben wir in einer Natur ohne Autor und einer Welt, die durch Name, Form und Zahl einen Autor hat. Hier heißt zur Welt kommen nicht in ihr leibhaftig da sein, hier heißt zur Welt kommen, zur Sprache kommen. Dabei bleibt die wilde Semiotik der Natur auf der Strecke dennoch die Wurzel unseres Daseins als Sprache. 


Alles ist eine Frage der Sprache und nicht nur der deutschen Sprache. (…) Darunter schwelt noch eine Sprache, die reicht bis in die Gesten und Blicke, das Abwickeln der Gedanken und den Gang der Gefühle.“ (Ingeborg Bachmann).

„Hieroglyphen kamen vor den Buchstaben, und Gleichnisrede kam vor dem Argument. Dennoch behalten sie auch heute noch und zu aller Zeit lebendige Kraft, weil die Vernunft nicht so sinnlich und Beispiele nicht so anschaulich sein können.“  (Francis Bacon)

„Denn der Mensch der visuellen Kultur ersetzt mit seinen Gebärden nicht Worte wie etwa die Taubstummen mit ihrer Zeichensprache. Er denkt keine Worte, deren Silben er wie Morsezeichen in die Luft schreibt. Seine Gebärden bedeuten überhaupt keine Begriffe, sondern unmittelbar sein irrationales Selbst, und was sich auf seinem Gesicht und in seinen Bewegungen ausdrückt, kommt von einer Schicht der Seele, die Worte niemals ans Licht fördern können. Hier wird der Geist unmittelbar zum Körper, wortelos, sichtbar.“ (Béla Balázs)


„Der jüdische Monotheismus zerschlug dieses kosmotheistische Gewebe zugunsten neuer Manifestationsformen des einen Gottes in den Dimensionen von Schrift und Geschichte. Mit der Erschließung dieser neuen Dimensionen wurde die Göttlichkeit des Kosmos („Kosmotheismus“) negiert, was schließlich zu einer Entzauberung der Welt und einer Vertreibung der Götter ins Exil der Poesie führte. Die entgötterte, vergleichgültigte Sphäre der Natur konnte sodann der praktischen Vernunft und technischen Verfügung überlassen werden. Indem sich der monotheistische Gott in Schrift und Geschichte verkörperte, zog er sich aus der Welt zurück, die damit den Charakter einer lebendigen Botschaft verlor. An die Stelle der unmittelbaren Signifikation mit ihren kosmotheistischen Grundlagen trat, zusammen mit einer entgötterten Welt, das System der mittelbaren Signifikation, das auf phonetische Schrift und die konstruktive Kraft menschlicher Zeichengebung gegründet ist.“ (Aleida Assmann „Im Dickicht der Zeichen“).

In dieser Tradition fußt die rationale Aufklärung, ihr verdanken wir den zivilisatorischen Fortschritt des Menschen, nicht nur die Menschenrechte, den technischen Fortschritt in die KI, der Menschen bis auf den Mond gebracht hat und uns heute mit dem Rückschritt dessen konfrontiert. Denn der Mensch hat nicht nur durch die „konstruktive Kraft menschlicher Zeichengebung“ seine Bindung an die Natur vergessen, er hat so gravierend in sie eingegriffen, dass große Teile der menschlichen Existenz nachhaltig gefährdet sind. Das zwingt den Menschen zur Abkehr vom Glauben an den linearen Fortschritt. Wo Fortschritt ist, ist immer auch Rückschritt, wo Licht ist, ist Schatten, wo Leben ist, ist Tod. Der Mensch kann seine Fragen weder lösen, indem er einseitig auf Fortschritt noch einseitig auf Rückschritt setzt. Er muss seine konstruktive Kraft falten und sich im zwischen dem weder noch einrichten. Nur dann steht er, der beides ist, ein Mensch mit zwei Seelen in einer Brust, sich selbst nicht im Weg. Mich überzeugte an dieser Stelle Sokrates, als ich von ihm in Platons „Phaidros“ las, wie er 400 Jahre vor Christus die Hieroglyphen gegen die konstruktive Kraft abstrakter Zeichen verteidigte: „Denn wer dies lernt, dem pflanzt es durch Vernachlässigung des Gedächtnisses Vergesslichkeit in die Seele, weil er im Vertrauen auf die Schrift von außen her durch fremde Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst die Erinnerung schöpft.“ Und dabei ist sein „von innen her“ kein unbewusstes Urbild, nach dem die Psychoanalyse sucht. Er geht zurück bis vor die Geburt und beruft sich mit seinem berühmten „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ auf die „Seinsvergessenheit des Seienden“

Der Maler ist privilegiert. Er sieht und kennt die Ur-Situation. Das leere Blatt auf dem sich ein Bild mit dem „Willen zur Macht“ oder dem „Willen ohne Zweck und Ziel“ entfalten kann. Folgt er Nietzsche folgt er dem Logos der praktischen Vernunft, folgt er Schopenhauer dem Nous der reinen Vernunft.  Also des Lebens. Dem Bild ohne Autor. Das stellt die Fragen nach dem Ewigen die ältesten Fragen, die sich dem Mensch erst erschließen, wenn er frei nach Rumi verstanden hat, dass nicht er die Weltverbesserung sucht sondern die Weltverbesserung ihn. So erklärt sich, dass von den Fels- und Höhlenbildern, den ältesten bildlichen Zeugnissen bis zur modernen Kunst die Malerei Zeugnis davon ablegt, wie der Mensch als Autor sich seine Welt erschafft. Und in dem Moment, in dem das Wort Wohlstand auftaucht, die gemalten Bilder die Frage nach dem Urbild ohne Autor aufwerfen. Auf den Straßen umrandet von Hochhäusern fahren im Sonnenlicht blitzende Autos und die Regale in den Supermärkten sind voll, da beginnt die moderne Kunst primitiv zu werden. Da philosophiert der Maler mit dem Pinsel in der Hand darüber wieder Kind zu sein und unternimmt Entdeckungsreisen ins Unbewusste. Fred Thieler nennt das „forschendes Tun“ und findet dabei mit seinen Faltungen von in Farbe getauchten Stoffen als Urbild ein „Bild ohne Autor“. Exakt den Moment in dem für Thieler aus der Faltung der auf dem Boden liegenden mit Farben übergossenen Stoffe das Auge sinnlich ein Bild erkennt das geistig überlebt.         

Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts entdeckte die rationale Aufklärung, dass das Irrationale mit der Säkularisierung vom Himmel auf die Erde gekommen, im Menschen selbst zu finden ist. So wurde die Psychologie wissenschaftlich und nicht nur die Philosophie und Literatur auch die Kunst bekam ein neues weites Feld. In der Malerei waren es die Surrealisten, die inspiriert durch die Psychoanalyse, Entdeckungsreisen ins Unbewusste unternahmen. So entstand die „écriture automatique“. Sie brachte geheimnisvolle Zeichen auf Papier und Leinwand, die nichts bezeichnen, etwas bezeugen sollten, die Begegnung mit der profanen Wirklichkeit, bevor sie als Erscheinung heilig ist. Das war die Geburt der modernen Hieroglyphe als „Bild ohne Schöpfer“. In der Definition der Surrealisten war damit Gott als Schöpfer überwunden, der als „Goldener Schnitt“ in der Renaissance einen festen Platz im Bild bekommen hatte. Der Maler wurde zum „passiven Autor“ erklärt, dessen Werk einer „poetischen Objektivität“ folgt, die sich als Dekonstruktion der rationalen Objektivität und nicht als irrationales Subjekt verstand. So malten die Surrealisten Träume ohne zu träumen, fordert Gerhard Richter, „mit allen Mitteln der Kunst nichts zu erzählen“, heißt der Film von Florian Henckel von Donnersmarck über ihn nicht Bild ohne Autor „Werk ohne Autor“.  


Es geht darum, sich dem Zugriff jenes rationalen und mechanistischen Modells zu entziehen, das die Welt erobert hat. Es hat sich als Herr und Besitzer der Natur begriffen und dabei ein verkehrtes Menschenbild durchgesetzt, unter Festschreibung des Primats der Quantität gegenüber der Qualität, des Habens gegenüber dem Sein.“

„Die Grenzen sind immer geistige. Der erste Durchbruch besteht darin, sich klarzumachen, dass die Welt umfassendere Möglichkeiten bereithält als die Reelle ahnen lässt, indem wir agieren.“

„Die Möglichkeit, selbst zu denken, wird erst dann weiterführen, wenn man sich von den ideologischen Systemen löst, die für diese Möglichkeit grundlegend und strukturierend gewesen sind. Es geht darum, erfolgreich gegen die eigene intellektuelle Genealogie und ihre Erkenntnistradition anzudenken.“

(Felwine Sarr)


Mit meinen Worten nenne ich das die Faltung der Weltanschauungen durch eine ganzheitliche Sicht etwa aus Kunst, Philosophie und theoretischer Physik. So paraphrasiere ich den Buchtitel „Die Faltung der Welt“ des Mathematikers, Physikers und Ökonom am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung Anders Levermann. Der sagt über seine Arbeit: „Wir befinden uns am Ende des Zeitalters der Expansion – und wir brauchen eine Idee für den nächsten großen Schritt. Die Begrenztheit unserer Erde kollidiert mit der Notwendigkeit rasanter gesellschaftlicher Entwicklung. Wenn man akzeptiert, dass beides harte Realitäten sind, dann stehen wir vor einem Dilemma von Begrenztheit und Dynamik. Der verzweifelte, wenn auch verständliche Ruf nach Verzicht und Rückbesinnung ist hilflos und wenig zielführend, denn er löst das Dilemma nicht auf. Das mathematische Prinzip der Faltung könnte diese Lösung liefern, weil es unendliche Entwicklung in einer endlichen Welt erlaubt. Nicht Wachstum ins Mehr, sondern Wachstum in die Diversität.“

Wird ein Ball in einen begrenzten Raum geworfen, prallt er von der Wand zum Boden zur anderen Wand. Seine Flugachse ist notwendig divers. Eben diesem Gesetz, das Energie, die gegen eine Grenze stößt, Form und oder Richtung ändert, verdankt der Planet Erde seine atemberaubende Vielfalt. Diese Vielfalt hebelt im menschlichen Denken der Monotheismus aus. Zunächst als der eine Gott, der die anderen wegrationalisiert, um als extern Allwissender zum Schöpfer der Erde zu werden. Dann in Gestalt eines abstrakten Allwissens, das die Welt regiert, schließlich als radikaler Universalismus, der die Welt aufklärt. Tatsächlich gibt es auch in meinen Beobachtungen etwas „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe). Doch kein „Ding an sich“ (Kant), ein dingloses Ding die „Seinsvergessenheit des Seienden“ (Heidegger). Sie ermöglicht es dem Leben seine Lebendigkeit zu entfalten. Umgekehrt wird die „Autopoiese“ (Maturana/Luhmann) blockiert, indem wir sie rationalisieren. Denn die Vollkommenheit ist keine Leistung, sie ist ein Produkt der Unvollkommenheit. Ein Bild ohne Autor.


Wo liegt das Gute? Im Willen. Wo liegt das Böse? Im Willen. Wo liegt beides nicht? In dem, was nicht in der Macht des Willens steht.“ (Epiktet)