Kommentar

4. Januar 2017 Kontext

Die Setzung einer Geste auf einem Blatt verwandelt die Leere in eine Fläche der Einschreibung. Sie markiert eine Differenz, mit der die Schaffung einer eigenständigen Welt einsetzt. Sie definiert eine widersprüchliche Grenze, die zwei Seiten trennt und diese gleichzeitig verbindet. Einer zeichenhaften Schrift ähnlich macht ihr dynamischer Verlauf die Spuren von Gedanken sichtbar – in den Kreuzberger Hieroglyphen sind es die „Geistfahrzeuge“ Jürgen Tobegens.

Tobegens eigentümliche Syntax oszilliert zwischen Kalligrafie, Abstrakten Expressionismus, Informel, Tachismus und Automatismus. Die Uneindeutigkeit ist so irritierend wie humorvoll und lenkt zugleich die Aufmerksamkeit auf nichts als das Bildgeschehen selbst. Im Zentrum seiner Malerei steht: Bewusstsein erzeugen! Die vordergründige Profanität der Motive wie auch der Bildwitz fungieren dabei als Brücke in die Auseinandersetzung mit Welt.(1)

Tobegen reflektiert mittels seiner „heiligen Schriftzeichen“ über die Dualität von Weltinnen und -Außen, über Seele, Ego und Gott und deren Aufhebung in Einem, das Alles ist, was unmittelbar die philosophische Praxis des Buddhismus evoziert. Wenn er allerdings Tobegen-typisch das Weltinnen mit vier G´s umschreibt: Geister, Götter, Genies und Gelehrte, spannt er einen großen Bogen auf, der von fernöstlicher Philosophie über internationale Politik (G4 Staaten) bis zur Quantenphysik und den Quantenfeldtheorien des Physikers Burkhard Heim reicht. (…)

Die Analogie zum künstlerischen Schöpfungsakt, insbesondere zu den Malereien Tobegens ist evident. Aus den Möglichkeiten aller Gedanken manifestiert sich erst in der Geste (=Beobachtung) das Werk. Jürgen Tobegens NichtNichtBilder sind so gesehen genuin. Ihre besondere Stärke ist das empathische dialogische Potential, das sie in ihrer Beobachtung entfalten. Sie sind beredete Bildsprache und in dieser Eigenschaft können sie, frei nach Watzlawick, nicht nicht kommunizieren.

Dr. Stefanie Lucci

 
  • Die Reflektionen der ersten beiden Absätze lehnen sich an Ausführungen zu Zeichnung von Magdalene Holzey an, die sich ihrerseits auf Hans Dieter Huber bezieht, der in „<Draw a distinction>, Ansätze zu einer Medientheorie der Handzeichnung“ auf den bekannten Satz aus dem Laws of form von Georg Spencer Brown rekurriert: „Draw a distinction and a universe comes into being“. Vgl: Magdalene Holzey: „Zwischenräumlichkeit“, in: „Tomma Abts“, Köln 2011  

 

 
 

G4 oder ÜBER GEIST UND MATERIE

Gastkommentar von Frau Dr. Stefanie Lucci (November 2011)

(aus der Broschüre: "Der Wille des Innenmenschen" - NICHTNICHTBILDER von Jürgen Tobegen)