DER NOUSLETTER III

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Der „Nousletter“ ist auch ein „Newsletter“, doch seine „News“ sind „Nous“, altgriechisch: nonverbale Vernunft, geistiges Sehen der sprachlich nicht fassbaren Wahrheit.


(Manuskript der Rede zur Eröffnung der Ausstellung KUNST DER SPUR am 1.10.2022 in der Kapelle am Urban in Berlin Kreuzberg)

Kunst ist immer eine Zumutung, sie muss es sein, weil sie Mut in diesem Fall für ein neues Sehen zuspricht. Sie mutet in dieser Ausstellung dem Sehen die Spur und in dieser Rede dem Verstehen eine Körper-Schrift-Kalligrafie zu.

Meine Spur in der Kunst ist Geste, Borke, Flecken und doch viel mehr: das Vor-dem-Wort. Denn die Spur der Kunst führt nicht nur bis zur Höhlenmalerei, sie führt vor das Wort. Wir glauben nur:  Am Anfang war das Wort, weil der „Logos“ das Wort am Anfang des kognitiven Denkens steht. Doch vor dem Wort ist das induktive Denken des Körpers, „Nous“, die organische Intelligenz oder reine Vernunft. So sind Gefühl und Gedanke, „Nous“ und „Logos“ existenziell in unserem Körper ein Liebespaar, das kulturell getrennt existiert. Denn das Wort erschafft, in dem es sich veräußert als praktische Vernunft die Form, die das Vor-der-Form, die reine Vernunft überschreibt. Das unsichtbar Gewordene aufspüren, ihm Sichtbarkeit verleihen, das ist meine Kunst. So verwandelt mein Bild Körpersprache in Körperschrift und erinnert damit nicht nur den „Nous“, die Wahrheit vor den Buchstaben, sie mutet der Welt, in der der „Logos“ die Welt ist, eine Weltanschauung vor dem Wort zu.

Das ist grundsätzlich nicht neu, seit Foto und Film die Wiedergabe der Dreidimensionalität übernommen haben und sich in der Malerei die Position verfestigt hat, dass das Malen von Bildern keine Bildhauerei ist. Seitdem ist die Zweidimensionalität ihr Alleinstellungsmerkmal. Seitdem ist die dritte Dimension im Gemalten die Spur. Van Gogh war wohl der Erste, der das verstand und setzte mit seiner pastosen Malerei die Spur ikonografisch wie Borke ins Bild. Jackson Pollock verselbstständigte mit seinen Malaktionen die Geste und Henry Michaux malte mit einer Schrift ohne Schrift, in der Flecken Kalligrafie assoziieren.

So hat das abstrakte Bild das gegenständliche überwunden und hebt das spontane, die Trennung zwischen gegenständlich und abstrakt auf. Dabei wird das Bild zur freien Assoziation, die mit der Selbstorganisation der Existenz korrespondiert. Der Inhalt ist nun nicht mehr die Form, zum Inhalt wird das Bewusstsein der Selbstorganisation. Picasso hat es das „Gehaltensein im Offenwerden“ genannt. So ist der Kippmoment mit dem aus Borke Geste Flecken wie aus Buchstaben oder Zahlen Assoziationen werden nicht nur eine Sternstunde der Poesie. Er ist der Moment, mit dem der Fortschritt und zugleich Wahnsinn der Moderne deutlich wird. Denn die Moderne glaubt mit festgelegten Zeichen Formen Verfassungen, die sie den wilden Zeichen der Natur abschaut, eine zweite Natur vollendeter als die erste erschaffen zu können. Dabei ist die wilde Semiotik vollendeter als die festgelegte, indem sie nicht programmiert selbstorganisiert ist. …

Mehr lesen: Der Nousletter II (Postmodernes Denken ohne Geländer)