Meine Musik besteht im Grunde darin, das erscheinen zu lassen, was Musik ist, noch bevor es überhaupt Musik gibt. – Was mich interessiert, ist die Tatsache, dass die Dinge bereits sind. – Jeder Klang hat seine eigene Seele, sein eigenes Leben. … Wenn wir (…) all das außer Acht lassen, was sich ´Musik´ nennt, würde das ganze Leben zu Musik!”
(John Cage)
12/2024 PINGUIN-.KUSS
Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einen Sommermittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Betrachter wirft, bis der Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Erscheinung hat – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.”
(Walter Benjamin)
12/2024 PINGUIN-MARSCH
Walter Benjamin ist hier. Er schreibt an einem Essay über Baudelaire. … Er geht von etwas aus, was er Aura nennt, was mit dem Träumen zusammenhängt (dem Wachträumen). Er sagt: Wenn man einen Blick auf sich gerichtet fühlt, auch im Rücken, erwidert man ihn. Die Erwartung, dass das, was man anblickt, einen selber anblickt, verschafft die Aura.”
(Bert Brecht)
NENNEN WIR DEN „UN-GRUND DES NICHT-SINNS“ DOCH EINFACH AUTOPOIESE SELBSTENTFALTUNG.
„Deine Bilder sind wie Wolken“
… , sagte meine Mutter zu mir. Schauen wir in den Himmel sind wir für einen Augenblick in ihm. Für einen Moment öffnet sich unser Blick und schon räumt er uns ein. Nicht wir schauen ihn, er schaut uns an. Auf uns gerichtet verspüren wir seinen Blick im Rücken …
… Drei Tage hat für mich dieser Moment der Einkehr gedauert. Nach dem Zusammenbruch meiner Welt des Marxismus-Leninismus und ich mit ihm, als ich lachend und weinend durch die Felder in Bochum-Gerthe tanzte und mich eingeräumt in die Leere erlebte, von der ich zuvor nicht ahnte, dass es sie gibt und sie mich wohl schon mein Leben lang trägt. …
… Am Ende dieser Geschichte wurde ich als Künstler geboren.
Verstehen wir Leere als Raumbegriff, dann müssen wir sagen, dass die Leere dieses Raumes gerade das Einräumende ist, das, was alle Dinge versammelt.“
(Hartmut Buchner, Philosoph, Schüler von Heidegger)
… Doch sowenig wie der Seiende weiß, was sein Sein ist nehmen wir Eingeräumten das Nichts wahr, das uns das Leben ermöglicht. Der Indigene lebt eingeboren in den Raum der Natur und der Moderne eingeboren in seinen Raum der Zeit. In der Technik das „An- und Für-sich-sein der Welt“ (Hegel) ist. Aus dieser Zeit mit Marx und Engels der „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, war ich herausgefallen und fand mich bei Kant wieder: Alles können wir wegdenken, allein der Raum bleibt. Er ist „transzendental“ „reine Vernunft“ „a priori“ gesetzt. Doch Kant verliert sein „Ding an sich“, indem er „zweckhaft“ denkt. …
… Können wir das Zwecklose zweckhaft denken? Können wir Leere denken? Wenn alles voll voller Dinge, Materie, Wesen, Formen, Ideen, Gesetzen, Gedanken, Geschichten, Raum und Zeit ist? Wie kann sein, dass etwas wirklich ist, obwohl es uns nicht wirklich erscheint? …
… Das war die Mauer, die vor mir stand und mit jedem Tag höher wurde, als ich nicht mehr Kommunist sein konnte und doch noch war, weil ich mir selbst nicht widersprechen durfte, ein Leben lang. …
EINBRUCH IN DEN URSPRUNG …
… Das wahre Wesen ist gleich dem leeren Himmelsraum; es ist ohne Form und Gestalt, ohne Richtung und Ort; doch es ist keineswegs Nichtsein.“
(Hisamatsu Shin´ichi, „Die Fülle des Nichts“ )
… Nichts ist undenkbar außer das Nichts, es blockiert den Verstand. Unfassbar war meine Angst. So räumte das Nichts mich in seine Leere ein. Es fühlte sich gut an, als das Undenkbare für mich geschah. Ein Leben ohne Partei. Für mich war das der Abgrund. Die Hölle und nun der Himmel auf Erden. Alles hatte mein Verstand getan, um die Kontrolle über mein Leben zu behalten. Meinem Beobachter, dem „Willen zur Macht“ über mich selbst hatte ich gelobt, ewig Kommunist zu sein, und nun die Scheidung. 15 Jahre hatten wir Seite an Seite gekämpft und nun war alles vorbei. Mit einem Kreislaufkollaps brach ich zusammen und wachte in einer anderen Welt auf. Der Traum war aus und ich war frei. …
… Doch wo war ich nun? In Gottes Hände gefallen? Wie das? Ich habe keinen Gott. Ich bin Atheist und hatte als solcher eine meinen Verstand überschreitende Erfahrung erlebt. Der alleinige Gott will angehört und angesehen werden. Mein Genius der Ahnung will hingegen erhört und erblickt werden. Sodass Wahrheit hier Freiheit offen und weit nichts Heiliges ist. …
… Noch konnte ich das nicht aussprechen. Als ich vom Glauben (an den Kommunismus) abgefallen war, weilte ich in der Türkei. Ich musste der Liebe nachfühlen, die mir neben der Partei jahrelang Halt gegeben hatte und nun wie sie nicht mehr war. Ich lernte Türkisch, um alleine durch die Türkei zu reisen und traf im Sprachkurs einen Grafiker der für uns einen Malkurs anbot. Sofort war ich dabei. Als Kind hatte ich viel gemalt und gezeichnet und in der politischen Zeit oft Plakate gestaltet. Jetzt sollte ich ein Stillleben aus Flaschen und Gläsern zeichnen und zeichnete die Dolmetscherin, in die ich mich verguckt hatte. „Hast du Moni gezeichnet?“ Ja, das war Moni, sie sah sich in meinen wenigen Strichen wieder. Schon hatte ich einen neuen Job und musste die Kursteilnehmer porträtieren. Besonders die Kinder, die nicht stillsitzen wollten, sodass ich nicht überlegen konnte, wie man richtig zeichnet. … Zurück in Deutschland war alles wieder weg. Nun hörte ich in mir meinen Vater wie er „Mein Sohn ist ein Plagiator“ sagt und malte Fotos ab. Nichts sagende tote Bilder. Wütend übermalte ich sie mit spontanen Strichen. Die hatten etwas! War das Kunst? Kann Kunst spontan sein?
„Können noch Werke sein? Oder ist die Kunst zu anderem be-stimmt?“
… notiert Heidegger nachdem er Paul Klees Bilder sah und die Überlegung „Vom Vorbildlichen zum Urbildlichen“ in Klees Vortrag „Über die moderne Kunst“ gelesen hatte.
Früher schilderte man Dinge, die auf der Erde zu sehen waren, die man gern sah oder gern gesehen hätte. Jetzt wird die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist.“
(Paul Klee)
… Was Klee 1920 nicht weiß, ist, dass seine Kunst nicht nur eine neue Kunst ist, in der Form und Zeichen nicht mehr in ihrer inhaltlichen Bedeutung als bildliche Statik gesetzt wurden; sie war Teil einer gewaltigen Umwälzung im Denken, ähnlich der Umwälzung, die wir heute durch die KI erleben und als Teil dessen auch noch nicht überschauen. Der 1.Weltkrieg war gerade vorbei, von dem viele Künstler sich bereits einen „Neuen Menschen“ in einer „Neuen Welt“ erhofften. Die Industrialisierung und die französische sowie die russische Revolution hatten die alten Strukturen von Gott und Welt aufgelöst. Aufklärung war politisch und in der Wissenschaft stellte Einsteins Relativitätstheorie gerade Newtons Raum-Zeit-Kontinuum auf den Kopf. 200 Jahre hielt der Glaube an das Absolute auf Erden, nachdem zuvor Gott das Absolute im Jenseits war. Nun galt es, das Zeitalter der Relativität zu begründen. Und die bildende Kunst war führend dabei. Impressionismus und Expressionismus, endlich die abstrakte Kunst sie nahmen vorweg, was gesellschaftlich erst heute gedacht wird. …
… Für Klee dessen Arbeiten auch „halbabstrakt“ genannt wurden bedeutete das, Kunst kann kein „Form-Enden“ mehr sein. Die formende Kraft generiert nun nicht mehr das Sichtbare. Sie macht das „Unsichtbare sichtbar.“ Bei diesem „Her-vor-bringen“ notiert Heidegger in seinen Klee-Notizen „müssen die Gegenstände nicht verschwinden, sondern als solche zurücktreten in ein Welten, das aus dem Ereignis zu denken.“ Das Hervorbringen des Welten vollzieht sich dabei über das Sehen, das, wie bereits Kant verstand untrennbar ein sinnliches Empfinden und eine gegenständliche Wahrnehmung ist. Das tatsächlich Neue in Klees Bildern ist, dass sie keiner Vorstellung mehr folgen. Sie verlangen ein Sehen in Bewegung. Weder eine begriffliche Wahrnehmung wie im gegenständlichen oder abstrakten Bild, noch ein nur sinnliches Erleben wie im Informel. „Die Freiheit der Beweglichkeit der unendlichen Genesis“ ist für Klee „maßgebend.“ …
… So sieht Klee in seinen Bildern die sich im Gegensatz zu Kandinsky nicht der euklidisch (dinglichen) der fraktalen (selbstähnlichen) Geometrie bedienen, neun Dimensionen: Die Gestalt, den Gegenstand den Inhalt, die Linie, das Hell-dunkel, die Farbe, die Bewegung sowie das Hin und Her, im Unsichtbaren den Sinn. …
… Heftig grenzt Klee seine Kunst gegen Lessing ab, der Malerei als „Raum-Kunst“ definiert. Für Klee ist die Zeit konstitutiv. Einsteins „Raumzeit“ geht an ihm noch vorbei. Nach Einstein entsteht Raum durch Zeit und Zeit durch Raum, sodass weder Raum noch Zeit absolut existieren. Doch Klees Bilden wird bereits „vom Werk zum Ereignis“, versteht dieses in seiner Bewegung aber noch nicht wie Heidegger als „Ent-eignis“, das vom „An-Blick“ zum „Er-Blicken“ führt. Zu dem „Er-Blicken“, mit dem der erwachsene Blick wie ein Kind das Da-Sein bestaunt. In der asiatischen Kunst ist das „Er-Blicken“ der gefüllten Leere konstitutiv. In der Musik wie John Cage zeigt das „Er-Hören“ der Stille. Allein die westlich bildende Kunst hält an der Unmündigkeit des Verstandes der Trennung von Körper und Geist fest, die das Spontane durch Verdinglichung zum Stand zwingt. Sodass sich in der Kunst eine „Betrachter-Bild-Relation“ zementiert, mit der das „Kunst-Ent-eignis“ nicht als „Bild ohne Autor“ als „Kunst ohne Werk“ verstanden den Sprung vom Bild-Ding zur Performance, zur Konzeptkunst vollzieht, die bildende Kunst heute als Design ohne Gegenstand oder eine andere Form des Journalismus missversteht …
… Im „Bild ohne Autor“ ist die Trennung von Kunst und Betrachtung mit ihr die Produkt und Betrachter Relation, der „An-Blick“ durch das „Er-Blicken“ von Kunst aufgehoben. Das Bild ist nicht „schon fertig“, sondern bringt Autopoiese„die Freiheit der Beweglichkeit der unendlichen Genesis“ hervor. Klee betont, dass dabei in seinen Bildern „nicht nur Geschehenes mehr oder weniger temperamentvoll wiedergegeben“ werde, sondern „geheim Erschautes.“ Womit er Unbewusstes meint, das für ihn Bestand hat, wenn es sich mit den bildnerischen Mitteln zur Gestalt verbindet.
„Unhörbar“ und „unsagbar“ sieht Heidegger darin
„Sprache wird Werk – aber nie die Sage.“…
… Die „Stimme der Stille“, die Heidegger in Klees Bildern vernimmt, steht in Beziehung zur „Sage“. Diese Stimme, fügt er erläuternd dazu, ist weder „Laut“ noch „Spruch“, sondern das mit Augen hören „das Stimmen als fügend-regendes, einfaltend-entfaltendes, enteignend-erreignen(des) Bergen des Gevierts“. …
… Das „Geviert“ wiederum ist für Heidegger der Gegenpol zum „Gestell“, ein holistisches Denken von Himmel, Erde, Mensch und Gott als Gegenpol zum dualistischen Ursache-Wirkung-Denken. Soll heißen, bevor der Verstand Ursache und Wirkung benennen kann, gibt es eine „Sage“ des „Gevierts“. Ein geistiges Sehen vor dem ausgesprochenen Diskurs, aus dem heraus die „Sage“ den Gedanken, dieser das Wort findet. Die „Sage“ ist für Heidegger das zur Sprache kommende „Sein“. Ist für Laotse „Tao“ und „Weg“. Im ZEN „Satori“ und „freier Geist“. Ihnen begegnen wir nur dem Gedanken vor dem Wort spontan und absichtslos folgend. …
… Steht im Anfang nicht mehr das Wort, sondern der Gedanke vor dem Wort der zum Nachdenken führt, kommt das Sein zur Sprache. Das Sein, das für das Da-Sein ein Nicht-Sein ist, weil es kein Wort die Sage ist. Die Sprache, die Körper und Geist durch Geste und Mimik und Zeige und Sage sprechen, bevor der Verstand den spontanen Fluss der lebendigen Sprache in einen intelligiblen, nur für ihn zugänglichen Stand der Grammatik verwandelt. So als großartige Leistung ein Haus der Zivilisation hervorbringt, in dem allein das spontane „Vor dem Wort“ das Ewige immer Bleibende ist. Von ihm bewohnt ist uns warm ums Herz auch in kalten Zeiten.
Der Fluß verliert seinen Namen, wenn er ins Meer fließt.“
(Aus den indischen „Upanishaden“ 700 bis 200 v. Chr.)
(JT, Oktober 2025)
DADA BOA
„Der Chinese hat sein Tao und der Inder Brahma, Dada ist mehr,…
…Buddha dachte ins Nirwana zu gehen und als er gestorben war, stand er nicht im Nirwana, sondern im Dada. (…)
Als Gott sprach: Es werde Licht!, da ward es nicht Licht, sondern Dada.“ *
Als Dada Mode ward zeigte es „Dada ist wie Eure Hoffnung: nichts“** Nichts ist nichts, ist postmodern, so verschwand auch Dada in der Relativität.
So ist der Himmel leer und Gott antwortet nicht. So steht der Mensch im Mittelpunkt und wird zum Gott auf Erden.
Die Lehre ist jetzt das „große Andere“, sich vom Namenlosen ansprechen lassen. Dessen Geschichte ist nie vergangen, sie steht immer bevor.
Was der KI nicht gelingt, ist geistiges Sehen. Natürliche Intelligenz ist BOA, das Bild Ohne Autor.
* Raoul Hausmann, österreichischer Dadaist, (1886-1971)
** Francis Picabia, französischer Dadaist und Surrealist (1879-1953)