Maler denken mit dem Pinsel in der Hand

Vorwort zum Buch “Du sollst dir dein Bild machen – Die Narration ohne Da-Sein”

 

Maler denken mit dem Pinsel in der Hand. Sie denken in Entstehungsformen. Sie erleben, wie aus der Leere des Malgrundes eine Form entsteht und die Leere sich dabei als eine Form erweist, in der alles – unbegreiflich – vorhanden ist. Wie in einem Spiegel, nur hier spiegelt die Leere eine “geistgeborene Wirklichkeit” wider – ein “So-Sein” ohne “Da-Sein”, das keine “absolute Idee”, die “Entstehungsform” einer “gestaltlosen Welt” verkörpert. Eine Dichtung aus Farben und Formen, weshalb man diese Art der Malerei im alten China auch “Literatenmalerei” nannte. Mit dem großen Unterschied zur Literatur, dass die Dichtung hier objektiv, begreifbar, vor dem sinnlichen Auge erfolgt und, wie in der Literatur, unbegreiflich mit dem geistigen Auge “wirkliche Wirklichkeit” assoziiert. Die Trennung zwischen dem geistigen und sinnlichen Feld ist hier außer Kraft gesetzt. „Zeige mir das Klatschen einer Hand“, fordert ein berühmter Koan im ZEN. Exakt das geschieht in der taoistischen Tradition, indem der Künstler im leeren Malgrund verschwindet. Körperlich bleibt er, wo er ist, im “Da-Sein” vor dem Bild. Doch das Bild geschieht nicht mehr durch Interventionen aus dem “Da-Sein”, es geschieht, wie der Ton in einer Flöte, durch den Künstler hindurch, als eine Erzählung des “So-Seins”. Aus dem “Feld der Leere”, wie der japanische Philosoph Keiji Nishitani das “Nichts” übersetzt. Die Hand, das Auge, der Kopf folgen in dieser Erzählung keinem objektiven “Sein”, das das subjektive “Bewusstsein” prägt, sie folgen dem subjektivem “Bewusstsein”, das das objektive “Sein” prägt. So braucht das Klatschen ganz real nur eine Hand. Denn in einer Hand sind zwei Linienführungen beheimatet, die sich im “Feld der Leere” gegenseitig beklatschen: Der Ductus der “freien Rede” und der Duktus der “exakten Rede”. In der “freien Rede” ist der Logos: „Eins bildet sich aus Zwei“ beheimatet, im Duktus der “exakten Rede” die Logik: „Eins teilt sich in Zwei“. Beide Linien bilden in der „wirklichen Wirklichkeit“ ein Feld, sind das Schweigen und das Sprechen, das nur in der „begrifflichen Wirklichkeit“ getrennt ist, weil der sprechende Begriff, mit ihm die Logik, sich im Gegensatz zum schweigenden Logos des Begreifens, über die “wirkliche Wirklichkeit” erhebt. So lädt dieses Buch in das „Feld der Leere“ ein, indem der schweigende Ductus der “freien Rede” erzählt.