NICHTWISSENSCHAFT

 


DAS EINRÄUMENDE NICHT(S)


 

Was ist ein Bild?

Ist das Bild ein Bild, das ein Bild ist, wie es zeitgenössische Kunst behauptet?

JA und NEIN!

Dem Wort „Bild“ auf der Spur stammt es vom mittelhochdeutsch „Bilwiss“ ab.

„Bilwiss“ bedeutete „wundersames Wissen.“

Mit der Aufklärung wurde aus dem Wundersamen das Beweisbare, aus Bilwiss das erklärbare Bild.

Der gemalte Beweis schürt den Zweifel.

„Das ist keine Pfeife,“ schrieb Matisse unter die von ihm gemalte Pfeife.

„Du sollst dir kein Bild machen …“, sagt schon die Bibel.

So kam mit dem Fotoapparat der technische vom Menschen abgefallene Beweis ins Spiel, …

… wird der ohne den Menschen KI generierte Beweis zur Lüge. …

So ist das Bild mehr als das Gemachte.

Das Bild macht uns.

Im Anfang ist die Gestalt wundersames Wissen.

Die geistig wundersame Gestalt wird zum Bild, das eingeboren in Zweideutigkeit uns prägt.

Das zwischen Gestalt und Lüge Wahrgenommene prägt das Bild, das wir uns vom Bild machen.

Das Machen wird zur Macht es Gemachten.

Das Gemachte ist das „Es ist“, es übernimmt die Macht über das „Du bist.“

„Du bist“ – viel mehr.

Du bist das eingeborene Du, nicht das gemachte Es.

Weder Objekt noch Subjekt, gegenständlich oder abstrakt, bist du die intersubjektive Erscheinung Du.

Die Selbstfindung in der Selbsterschaffung.

Autopoiese.*

„Du bist“ das Bild ohne Macht, das als „Es ist“ herrschaftsfrei bleibt.

Herrschaftsfrei ist die negative Ontologie.

 


Ontologie heißt „Lehre vom Sein“.

Das Sein ist die Existenz und die Philosophie spricht über sie als positive oder negative Ontologie.


 

Die positive Ontologie sagt „Es ist“.

Sie erklärt das Sein vom Stein, vom Stein des Anstoßes aus.

Sie denkt das materiell oder ideell Fassbare. 

Ich denke, also bin ich.

Gott erschuf Himmel und Erde.

Im Anfang ist das Wort, … und Gott war das Wort.

Im Anfang ist die Tat …

… der Urknall, die Materie, die absolute Idee, der Widerspruch, die Arbeit …

 Im Anfang ist die Macht des Wissens.

„Es ist“, ist das aus den Dingen isolierte „Ding“ zur Machtergreifung. 

Es denkt Anfang und Ende, begründet Kausalität und Immanenz.

Die Aufklärung stellt sie in Frage und begründet eine neue Macht.

Der Fortschritt überholt den Fortschritt.

Die Ontologie der Macht tritt in das Zeitalter der Beschleunigung ein.

Das ohnmächtige Du weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.

Es übernehmen Robotik und KI ….

 


Die negative Ontologie sagt „Nicht ist“.

Ihr Stein des Anstoßes ist das Nichtwissen.

Sie kennt keinen „Willen zur Macht“.

Sie greift nicht nach der Macht.

Sie ist die Macht der Ohnmacht.

Ohne Macht – herrschaftsfrei.

Sie ist das Nicht, das kein Nichts ist.

Der Geist, der stets verneint …

… das Böse will und das Gute schafft.

Das „Nicht ist“ sagt, wir wissen es nicht.

Existenziell ist der Anfang anfanglos, warst du dabei?

Existenziell ist das Ende endlos, kennst du es?

Der Widerspruch ist Leben als Gegensatz zum Tod.

Allein die Logik der Macht fürchtet den Gegensatz.

Im Logos des Lebens ist der Widerspruch die Polarität.

Die Wechselwirkung zwischen den Polen.

Ursache kann Wirkung und Wirkung Ursache sein, dazwischen bildet der Zufall seine Netze.

So ist Welt nicht entfremdet „die Macht da draußen“.

 Welt ist die Macht der Ohnmacht, das Hervorbringen  „(d)einer Welt“ durch das Leben selbst.

Autopoiese als das Namenlose.

Das Namenlose als Weg der Evolution.

Der Weg der Evolution als Nichtung des Nicht(s).

Die Nichtung des Nicht(s) als Licht.

Das Licht als ewiges Du.

„Ich bin, weil du bist.“**

 


Die Kehre zur Realität.

Die Realität ist kein „Entweder oder“, „Sowohl als auch“, „Weder noch“, kein „Alles zusammen“.

Das Reale ist nicht das „Es ist“.

Das Reale ist namenlos. Das Namenlose ist leer.

Substanz erhält es erst durch den Unterschied, den der Name macht.

Die namenlose Leere ist kein Nichts.

Sie ist das All(es).

Die Frage ist: Was zählt mehr?

Das Namenlose oder der Name?

Das Ewige oder die Zeit?

Die Unendlichkeit oder der Raum?

Der Zweck oder die Tatsache?

Das Verborgene oder das Offenkundige?

Das Beherrschbare oder Unbeherrschbare?

Die Herrschaft oder die Freiheit?

 


Die Kehre zum Bild.

Das Bild kann sagen was es will, es bleibt ein „Es ist“!

Hängt es auf dem Kopf (wie bei Georg Baselitz) oder sagt es mit allen Mitteln der Kunst nichts (wie bei Gerhard Richter), steht das Auge weiterhin vor einem „Es ist“.

Es ist bei Baselitz und Richter lediglich die Negation des bisherigen „Es ist“.

Keine Negation der Negation.

Kein: „Es ist“ ein „Nicht ist.“

Ist das Bild weder materiell noch ideell erzählt die fraktale „Ich und Du“ Beziehung das Bild

Hier ist Nicht-Können können die Kunst.

Weder durch dich noch ohne dich verwandelt sich das Nicht(s) zum „Ewigen Du“.

Weder gedacht noch gemacht ist der Ich-und-Du-Dialog realer als die Realität.***

 


*Die Autopoiese (Selbstentfaltung von Leben und Welt) erläutern die chilenischen Neurobiologen Maturana und Varela in ihrem 2009 erschienen Buch „Der Baum der Erkenntnis“. – „Wir werden eine Sicht vortragen, die das Erkennen nicht als eine Repräsentation der „Welt da draußen“ versteht, sondern als ein andauerndes Hervorbringen einer Welt durch den Prozeß des Lebens selbst.“ … „Der Kern aller Schwierigkeiten , mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Verkennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen.“ … „Blind für die Transzendenz unseres Tuns, verwechseln wir das Bild, dem wir entsprechen möchten, mit dem Sein, das wir tatsächlich hervorbringen. Dies ist ein Irrtum, den nur das Erkennen des Erkennens korrigieren kann.“ 

**UBUNTU, Stammesweisheit in Südafrika. Weltweit bekannt geworden durch das Wirken von Nelson Mandela: „Mögen deine Entscheidungen deine Hoffnungen widerspiegeln, nicht deine Ängste.“ … „Ich habe gelernt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern der Sieg über sie. Der mutige Mensch ist nicht derjenige, der keine Furcht verspürt, sondern derjenige, der die Angst besiegt.“ … Und in seiner Antrittsrede als Präsident Südafrikas zitierte er aus dem Buch „Rückkehr zur Liebe“ von Marianne Williamson „Unsere größte Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere größte Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind.“

*** Das dialogische Prinzip „Ich und Du“ von Martin Buber ersetzt die nach Gott frei werdende Position nicht durch ein neues „Ich und Es“. Das „Nicht“ oder „Nach“ an seiner Stelle wird bei ihm zum Dialog mit dem „Ewigen Du“. Mit dem DU der Erscheinung das größer ist als das personale du und nicht zu verwechseln ist mit dem Ego, das Selbstbehauptung ist. Das DU ist intersubjektiv bildet sich von selbst. Weder materiell noch ideell, weder erfahrbar noch beweisbar moderiert es das Geschehen. Als das DU aus dem wir kommen, in das wir gehen, das im spontanen Selbstgespräch zu uns spricht. Zur Sprache kommt es, indem das Ich sich selbst ausspricht.


 

(JT, Februar 2026)