IM WILDEN TANZ DER ZEICHEN BESTEHEN


„WIEDER WERDEN, WER WIR NIE WAREN“


Der wilde Zeichenprozess, die „wilde Semiose“, schreibt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, „bringt die Grundpfeiler der etablierten Zeichenordnung zum Einsturz, indem sie auf die Materialität des Zeichens ausgerichtet ist und die Präsenz der durch die Zeichen auf Distanz gehaltenen Welt wiederherstellt. In jedem Fall erzeugt sie Störungen und Unordnung im besonderen Beziehungssystem der Konventionen und Assoziationen. Sie stellt neue, unmittelbare Bedeutung her, sie unterläuft, verzerrt, vervielfältigt, sprengt die vorgegebenen Raster der Sinnbildung.“ (1)

Dieser Einschätzung kann ich nur zustimmen und „verraten“, dass mein „wilder Zeichenprozess“ nicht weniger will, als „neue, unmittelbare Bedeutung“. Er entstand, als ich versuchte „richtig zu malen“, als ich mich zur Kopie dessen zwang was ich sah und dieses normativ in eine vorgegebene Form des gegenständlichen Malens bringen wollte. Exakt so, wie ich als Kind in der Schule Schrift gelernt habe. Da ist mir der Kragen geplatzt, weil das, was durch meine Zuneigung auf Papier kommen sollte, sterben musste, damit es in eine festgefügte Zeichensprache passt. Mit spontanen Strichen übermalte ich die Kopie und erntete, nicht nur in mir, großen Applaus: „Wow, die Striche haben etwas zu sagen“…

Absichtslos begab ich mich auf die Spur meiner spontanen Striche, nicht weil ich das „WuWei“, das „Tun ohne Tun“ bereits kannte, das das Tao seit zweitausendfünfhundert Jahren in der chinesischen Kalligrafie und Landschaftsmalerei lehrt, ich wollte meinen Strichen auf die Spur kommen und wusste nicht wie ein Bild nur aus ihnen aussehen kann. Dabei entdeckte ich, dass ich nicht nur eine Handschrift habe, die äußerst launisch ist und durch Selbstdisziplin in eine „Schönschrift“ verwandelt werden kann. Dieses westliche Verständnis von „Kalligrafie“ hatte mich mein Vater bereits als Kind gelehrt, indem ich Zeuge war wie er aus Büchern alte Handschriften kopierte, sie einrahmte und an die Wand hängte. Doch der gleiche Vater, der fasziniert war von Schrifttypen, Schriftsetzer von Beruf war und diszipliniert alte Handschriften kopierte, konnte auch anders. Als er mein Zeugnis unterschrieb, hat er den Strich über dem T so wild gesetzt, dass er die nächsten Jahrgänge gleich mit unterschrieb. Dieser wilde Zeichenprozess zeigte mir, dass sich hinter der „Schönschrift“ eine „Körperschrift“ verbirgt. Doch meinen eigenen wilden Zeichenprozess verklausulierte ich noch 2020 als „Figura Originis“ und konnte ihn nicht „Körperschrift“ nennen. Noch nicht, denn: „Körperschriften entstehen durch lange Gewöhnung, durch unbewusste Einlagerung und unter dem Druck von Gewalt. Sie haben die Stabilität und Unverfügbarkeit gemein. (…) Was dort im Innersten aufgeschrieben ist gilt als nicht löschbar, weil es unveräußerlich ist,“ (2)


„Beine und Arme sind voll von schlummernden Erinnerungen“

(Marcel Proust) (3)


Der „Druck der Gewalt“, der Wut und Scham, als Kind Ohnmacht und Sprachlosigkeit in mir auslöste, mich als Erwachsener in Umwege zwang, die ein verkompliziertes Denken und Schreiben in mir beförderten, war der Stempel, den ich als Kind verpasst bekam und der hieß: „Legastheniker“.  Weil ich anders spürte und dachte als meine Umwelt und diesen Konflikt nicht adäquat zur Sprache, geschweige in eine Schrift bringen konnte, war ich der Ausgegrenzte. So dachte ich: „Alles ist umgekehrt“ und schrieb auch so. „Wie macht man dem Menschen-Tiere ein Gedächtnis? Wie prägt man diesem teils stumpfen, teils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaftigen Vergeßlichkeit etwas so ein, daß es gegenwärtig bleibt? Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt, nur was nicht aufhört, weh zu tun, bleibt im Gedächtnis“ (4).

Mein Vater war ein großer Nietzsche Verehrer und so hat er auch diese Sätze gekannt, aber ein „schwarzer Pädagoge“ war er nicht, so wenig wie Nietzsche. Er war ein hochsensibler und tiefgründiger Mensch, der von seinem Vater, durch die Nazis und den Krieg, ein Gedächtnis eingeprägt bekommen hat und das nun mit seinem Sohn tat. Dafür konnte ich ihm in der Mitte meines Lebens sogar dankbar sein, doch den „Druck der Gewalt“ nahm das nicht. „Verglichen mit dieser somatischen Wahrheit produziert der Verstand nur eine logische Wahrheit, „eine mögliche Wahrheit“, ihre Wahl steht noch in unserem Belieben. (…) Nur der Eindruck, wie hauchdünn auch seine Substanz zu sein scheint, wie ungreifbar seine Spuren, ist ein Kriterium der Wahrheit.“ (5).

Als Kind versuchte ich mein „Kriterium der Wahrheit“ zur Sprache zu bringen, indem ich meine eigenen Wörter und Zeichen erfand, mit ihnen aber nicht bestehen konnte. So habe ich mich in die innere Migration, die Welt der Träume und Alpträume zurückgezogen, bis ich, „Pop, Underground, Nein: Gegenkultur“, so hieß mein Lieblingsbuch, mich der antiautoritären Revolte anschloss, von „Sex, Drugs and Rock and Roll“ fasziniert war, in der Subkultur aber nicht bestehen konnte. So suchte ich weiter und fand schließlich „meine“ festgelegten Zeichen, Normen, Dogmen im Kommunismus…


„…diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt“

(Karl Marx) (6)


„Es war, als zerrisse ein Schleier vor meinen Augen. Zum ersten Mal empfand ich klar die Logik der Weltgeschichte und konnte ich die dem Anscheine nach so widerspruchsvollen Erscheinungen der Entwicklung der Gesellschaft und der Ideen auf ihre materiellen Ursachen zurückführen.“ (7). So wie es der Schwiegersohn von Karl Marx hier sagt, erging es auch mir, als ich zum ersten Mal mit dessen Gedanken in Berührung kam. Es war auf einem Zeltlager der Naturfreundejugend in Otterndorf bei Cuxhaven, da traf ich auf Studenten aus Kiel, die als „Rote Zellen“ hier Marxismus unterrichteten, auf ihrem „Marsch durch die Institutionen“, den Rudi Dutschke für die APO ausgerufen hatte. Ich lernte die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“ von Marx und das „Kommunistische Manifest“ kennen. Es waren Schlüsselbegriffe wie „Entfremdung“ und  der Widerspruch zwischen „Sein und Sollen“, die in mir Klick machten, mich aus meiner individuellen Not befreiten, indem sie mein persönliches Schicksal in einen größeren, ja weltumspannenden „Klassenzusammenhang“ stellten. „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein“, sagt Pelagea Wlassowa im „Lob der Dialektik“, dem Schlusswort in Brechts Theaterstück „Die Mutter“ (8).

Von jetzt auf gleich wurden die Widersprüche der Welt die mich gefangen hielten, nicht nur erklärt, sie bekamen eine Dynamik, durch die ich sie verändern konnte. Der einzelne Mensch hörte auf ein „Sündenfall“ zu sein, zu dem die abrahamitischen Religionen ihn gemacht haben und als der ich mich als „Atheist“ und „Legastheniker“ ganz persönlich auch fühlte. Marx zeigte mir, dass sich mein ganz persönliches Schicksal wendet, indem ich mich zur „Klasse“ formiere. „Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Aneignungsweise und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen.“ (9) „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (10). Das waren Ziele für die ich mein Leben opfern wollte, als ich mit 18 Jahren in die KPD/ML aufgenommen wurde und gelobte dem Kommunismus bis ans Lebensende treu zu bleiben.

Erst 16 Jahre später verstand ich, dass der „real existierende Sozialismus“ an dem Bewusstsein scheitert, das mich so stolz gemacht hat. Spontan hat die Arbeiterklasse in keinem Land der Welt das „revolutionäre Klassenbewusstsein“ herausgebildet das Marx und Engels ihr unterstellten. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern,“ (11) hat Marx betont, auch weil er als Philosoph neben der „absoluten Philosophie“ von Hegel, als Schüler neben seinem Meister nicht bestehen konnte. So setzte nicht Marx den „Materialismus“ absolut gegen den „Idealismus“, das taten andere Schüler von Hegel, Marx setzte den „Klassenkampf“ und nach der Pariser Kommune die „Diktatur des Proletariats“ absoult, um die „materiellen Ursachen“ und nicht nur die „Ideen“ zu verändern. So wurde das Proletariat als „Subjekt aller Veränderungen“ (12) aus „ökonomisch-philosophischen Erkenntnissen“ abgeleitet, mit Erfahrungen aus den Klassenkämpfen angereichert, analog zur Bourgeoisie, zur Französischen Revolution gesetzt, in der sich das Bürgertum tatsächlich zur Klasse formierte und Kirche und Adel entmachtete. Doch die Arbeiter stellten sich, wenn überhaupt, an die Seite der nationalen Bourgeosie, rebellierten gegen ihre Ausbeutung, ohne je den politischen Willen zur Macht zu entwickeln, den die Kommunisten ihnen unterstellten. So wurde aus der „Diktatur des Proletariats“ eine Diktatur über das Volk und es reichte in der DDR schließlich als Widerstand ein einfacher Satz: „Wir sind das Volk“ und die Diktatur stürzte ein… Zwei Jahre zuvor, bereits 1987 in einer Politbüro-Sitzung über den 7o.Jahrestag der Oktoberrevolution, brach diese Welt für mich und ich mit ihr zusammen. Ich erinnerte mich wieder, dass ich immer Maler, Künstler werden wollte, begann zu malen und entdeckte die in mir verborgene „Körperschrift“. Als ich mit ihr auch an der Hochschule der Künste in Berlin nicht landen konnte, vom damaligen Professor und Maler Norbert Tadeusz heraus geschmissen wurde, da beschloss ich es autodidaktisch zu versuchen. „Wo Brandmarkung war, soll Sprache entstehen!“ (13).


„Haltung: …gegen das Lautsein“

(Mely Kiyak) (14)


Inzwischen war ich schon in der Welt der Kalligrafie angekommen und fragte mich: „Wie kommt es dazu, dass mir arabische, chinesische, japanische Kalligrafien etwas sagen, obwohl ich keine dieser Sprachen, geschweige ihre Schrift kenne?“ Erst als ich meine eigene „wilde Semiotik“ als eingeborene Genialität, als „Indigenialität“ (15) verstand, verstand ich: „Wir sind alle Wilde“ (16) und  konnte aus dieser Perspektive die nah- und fernöstliche Kalligrafie geistig erfassen. Denn sie ist nicht nur, wie im westlichen Kontext „Schönschrift“, sie ist eine spontane „Körperschrift“, die Menschen wie mir, die die festgelegten Zeichen nicht kennen, diese sinnhaft vermittelt. So verstand ich, dass abstrakte Maler sich in der Kalligrafie und umgekehrt Kalligrafen sich in abstrakter Malerei wiederfinden, denn der Rhythmus und die Melodie der „wilden Semiotik“ ist universell. Es ist der „Logos“ der Natur, die „freie Rede“, die durch Wind und Wetter, Flüsse. Meere, Bäume, Blumen, Tiere, Menschen, aus Gestik, Mimik und Klängen zu uns spricht…

Aus diesem Geschenk der Natur, vermutlich aus Ablagerungen und Spuren, die der Zeichenprozess der Natur hinterlässt, ist Schrift entstanden, die weltweit zunächst eine Bildschrift war und sich über Jahrtausende zu der abstrakten Schrift rationalisiert hat, die wir heute verwenden. „Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann“ (17). Denn das „Ding“, das wir mit „festgelegten Zeichen“ manipulieren ist der „Logos“, die „freie Rede“ der Existenz. Aus menschlicher Sicht ist der „Logos“, der in anderen Kulturen auch „Bewusstseinstrom“ oder „Weltseele“ genannt wird, das genetische Wissen, das die Evolution von Generation zu Generation weitergibt. Das genetische Wissen ist aus Sicht des kognitiven Wissens ein „Nichtwissen“, weil es „ternär“ – wahr, unwahr, unfassbar – ist. Es fließt, steht nie still, kommt zu keiner Festlegung, ist ein Werden ohne Ziel. Anders das kognitive Denken, oder der „Wagenhebereffekt“ (18), der den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Denn der Mensch wird im Gegensatz zu allen anderen Hirnen, mit einem unausgeprägten Gehirn geboren. So dass unser Gehirn „koevolutionär“ ist, aus einem von der Natur ausgeprägten Teil, der Intuition, und aus einem von der Kultur geformten Teil, der Kognition, besteht. Dadurch hebt sich die menschliche Generationsfolge schneller höher, sinkt sie im Gegenzug aber auch schneller tiefer, wenn sie, wie es jetzt zu sein scheint, die Grenzen des Wachstums überschätzt…


„Die Poesie zwingt sich nicht auf, sie setzt sich aus“

(Paul Celan) (19)


Der Wagenheber „Zivilisation“ hat aus dem ternären „Logos“ der Natur eine binäre „Logik“, die – wahr, unwahr – top-down-Kultur gemacht. Das „Widersacherische“ (20) der Natur – „was geboren ward, muss sterben“ (21) – wurde dabei externalisiert. Im Denkraum der „Logik“ ist das Undenkbare nicht existent, weder gibt es das Vor-der-Geburt noch das Nach-dem-Tod. Was nicht denkbar ist, ist auch nicht beweisbar, so nicht existent, schlußfolgert der Verstand und erhebt sich damit zum „Gott auf Erden“. Historisch, im Zeitraffer, geschah das in etwa so: Zunächst prägte das eingeborene „Nichtwissen“ als „Indigenialität“ oder „Mutter Erde“ intuitiv die Tat. Tatsächlich war und ist darin der Mann der Frau unterlegen, denn er kann lediglich leiblich zeugen und kein neues Leben gebären, hat keine leibliche Bindung zum Neuen. So schritt der Mann zur Tat, zur Machtergreifung des Patriarchats, das den „Vater Himmel“ als neue „Weltordnung“ imaginierte. Das Pantheon der Götter war tatsächlich ein „geistiger Fortschritt“ der es ermöglichte das indigeniale Nichtwissen „ternär“ – wahr, unwahr, unfassbar – imaginär zu spiegeln. Damit war Schluß, als der eine allmächtige, eifersüchtige „Gott“ auftrat und sich als „Denker des Denkens“ vorstellte, das als „binäres Denken“ – Gut und Böse – keine anderen Götter neben sich duldet. Mit dieser allmächtigen Autorität wurde das „Paradies“ als das „ewig Gute“ auf Erden installiert, doch kaum war der „Garten Eden“ erschaffen kam auch schon „das Böse“, das „Widersacherische“, der „Teufel“ um die Ecke. Das „Gute“ kehrte zurück in den Himmel und das „Böse“ blieb auf Erden. Die naturwissenschaftliche Revolution verdrängte dann beginnend im sechzehnten Jahrhundert in Mitteleuropa den Glauben durch Wissen. Es kam zur „Säkularisierung“ des Denkens und der „Denker des Denkens“ verwandelte sich in ein „Ich denke, also bin ich“ (Descartes), das mit der Aufklärung – „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant) und der Französischen Revolution – „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – die „Weltanschauung“ zur Privatsache machte.

Den Teufel hat die Säkularisierung dabei nicht vergessen, wie Ernst Bloch es vermutet hat (22), sie hat ihn durch „Innovationen“ ersetzt. Denn der „Wagenhebereffekt“, mit dem die Aufklärung bis heute arbeitet, ist nicht die „Intuition“, es ist der „Verstand“ und damit die „Innovation“ die der Mensch bereits nach der Geburt in seiner Umwelt als fertiges Produkt vorfindet, das sein Gehirn trainiert. Der „Fortschritt“ in ein „Selbstbewusstsein“ das den „Logos“ der Existenz nicht mehr mit der „Logik“ des Verstandes überschreibt, ihn als evolutionäres „Nichtwissen“ wieder erinnert, war und ist der „Wagenhebereffekt“ bis heute nicht. Denn die Aufklärung folgt nicht der „Maieutik“ (23), nicht der Hebammenkunst, die dem Leben das Lebenleben schenkt, sie folgt der „mechané“ (24), dem „Betrug an der Natur“, wie die Mechanik altgriechisch auch genannt wurde. Und das geschah so: Jedes Lebewesen, ob Mensch oder Tier entwickelt Technik, wird zum Techniker seines Lebens. Als der Mensch dafür Werkzeuge fand, begann der Mann damit die leibliche Technik, mit der die Frau ihm überlegen war, zu externalisieren. Daraus wurde zunächst die „mechané“, in Folge die Maschine, in Folge die Industrie, das Selbstfahrzeug Auto, der Computer, schließlich die „unsichtbare Maschine“ das Internet. Die Maschine wurde und wird dabei als „Gott“ angebetet oder als „Teufel“ verdammt, wurde zum „Denker ohne Denken“, der vom Menschen programmiert, mit seinen Programmen den Menschen programmiert. „Die Maschine ist kein technisches Gadget mehr, sondern längst zur geistigen Größe geworden. Sie ist das unbewusste der Philosophie, der Gesellschaft überhaupt. Würde der Geist der Maschine freigesetzt, wäre endlich eine nun von allem metaphysischen Ballast befreite, radikal geistesgegenwärtige Philosophie denkbar“ (25).


„Ich suche nicht. Ich finde.“

(Pablo Picasso) (26)


So ist das „Widersacherische“, das der Automatisierung des Lebens widersteht die „Körperschrift“, wurde aus ihr mein „Bodytext“ der seine wilde Gestik nicht in festgelegte Zeichen verwandelt, denn das wäre lediglich der Wechsel zwischen zwei Extremen. Mich fasziniert das Spannungsfeld zwischen dem Wilden und der Erkenntnis, die „absolute Freiheit“ die aus ihm spricht wenn wir beginnen das „Zwischen“, die „Fuge“, das „Feld der Leere“, das „Nichts“, als „unfassbare Wahrheit“ in uns selbst zu verstehen, statt sie in einen „Denker des Denkens“ (Gott) oder „Denker ohne Denken“ (Internet) zu projizieren. Erst wenn wir die „Innovation“ durch den „Fortschritt“ von ihr ersetzen, verstehen wir den „Gedanken ohne Denker“ (27) – das „Nichtwissen“ als „Indigenialität“ in uns. „Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit“ (28), schreibt Ludwig Wittgenstein und trifft damit exakt den Punkt. Wir können die Lösung nicht über den Verstand, nicht durch kognitives Denken, weder idealistisch durch einen „Neuen Geist“ noch materialistisch durch eine „Neue Welt“ herbeiführen. Denn die „rationale Aufklärung“, die angetreten ist das „Jenseits“ im Himmel durch das „Diesseits“ auf Erden zu ersetzten, verlagert die Dualität zwischen „Körper“ und „Geist“ lediglich in das Individuun hinein. Der Aufgeklärte bekommt die „Weltordnung“ als „Privatsache“ aufgebrummt und kann sehen wie er mit der Spaltung die ihn als Mensch zerreist, fertig wird. Er ist damit komplett überfordert und muss erkennen, dass es in ihm kein Aktivposten dagegen gibt… In diesem Moment öffnet sich das „torlose Tor“ zum „Tun ohne Tun“. Indem ich mit mir bin, ist es (das Leben) mit mir, sind „Diesseits“ und „Jenseits“, „Verstand“ und „Intuition“, das „Ewige“ und das „Zeitige“ ein Paar. So hört die „Dualität“ auf das Denken und Handeln zu prägen. Die „Logik“ kann sich jetzt beim „Logos“ bedanken, dass es sie gibt und der „Logos“ wird der „Logik“ verzeihen, dass sie ihn berherrschen wollte. „Das Wunder, das den Lauf der Welt und den Gang menschlicher Dinge immer wieder unterbricht und vor dem Verderben rettet, ist schließlich die Tatsache der Natalität, das Geborensein, welches die ontologische Vorraussetzung dafür ist, daß es so etwas wie Handeln überhaupt geben kann“ (29).  Ein „Tun ohne Tun“, mit dem wir „wieder werden, wer wir nie waren“ (30)…


„… geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei“

(Paul Celan, „Der Meridian“)


 

(1) Aleida Assmann, „Im Dickicht der Zeichen“, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2015

(2) Aleida Assmann, „Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses“, C.H. Beck, München 1999

(3) Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – Die wiedergefundene Zeit, Band 2, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1961

(4) Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral“

(5) Marcel Proust, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – Die wiedergefundene Zeit, Band 2, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1961

(6) „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW 1, S.381, Dietz Verlag, Berlin

(7) Paul Lafargue „Karl Marx, Persönliche Erinnerungen“, in „Die Neue Zeit“, Hrsg. K. Kautsky, 9.Jahrgang, Bd.1 – zitiert aus dem Vorwort von Barbara Zehnpfennig zu „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“ von Karl Marx, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2005

(8) Bertolt Brecht, „Die Mutter“, S.90, Rowohlt Taschenbuch, Reinbeck, 1967

(9) Marx/Engels „Manifest der Kommunistischen Partei“, S. 47, Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking 1975

(10) ebenda, S.61

(11) Karl Marx, „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der deutschen Philosophie“, These 11, MEW, Bd. 3, Seite 533, Dietz Verlag Berlin, 1969

(12) Karl Marx: „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik – Kritische Schlacht gegen den französischen Materialismus“, MEW Bd. 2, S. 131-142. Dietz-Verlag, Berlin 1957

(13) zitiert aus Peter Sloterdijk, „Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“, S.7, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1988

(14) In ihrem Buch „Haltung: Essay gegen das Lautsein“, setzt sich Mely Kiyak mit der Empörungskultur auseinander, die schreit, wenn es zu spät ist, statt zuvor Haltung zu beweisen…

(15) Andras Weber, „Indigenialität“, Nocolai-Verlag, Berlin 2018

(16) „Wir sind alle Wilde“, sagt Andreas Weber und verdeutlicht, dass unsere Zivilisation nicht nur die Indigenen kolonialisiert hat – sondern auch unser eigenes Denken. Wild bedeutet dabei nicht regellos im Sinne von Hobbes, sondern offen für den Austausch in einer Welt der Gegenseitigkeit.

(17) Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, „Dialektik der Aufklärung“, S.15, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1969

(18) Michael Tomasello: Menschliche Wesen unterscheiden sich von anderen Lebewesen durch ein „koevolutionäres Prinzip“: „Fähigkeiten, die durch Reifung entstehen, schaffen die Möglichkeit neuer Arten von Erfahrungen und Lernen, und anschließend sind diese Lernerfahrungen die unmittelbaren Ursachen der Entwicklung“, „Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese“, S.57, Suhrkamp, Berlin 2020

(!9) Peter Sloterdijk, Titel: „Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen“, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1988

(20) Ernst Bloch, „Experimentum Mundi“, Werkausgabe Bd. 15, S.231, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1977

(21) Johann Gottfried von Herder, „Aphorismen“: „Was geboren ward, muß sterben; /Was da stirbt, wird neu geboren ./ Mensch, du weißt nicht, was du warest; /Was du jetzt bist, lerne kennen,/Und erwarte, was du sein wirst.“

(22) Ernst Bloch (ebenda) S.235, „(…) mit der Entmythologisierung fiel also stark auch der Gegenstand weg, der in jeder Mythologie des Bösen doch so stark angetroffen und erfahren schien. (…) Die Säkularisierung des Rests (…) blieb aus, wenig oder nichts wurde hier auf die Füße gestellt.“

(23) Der Begriff geht auf Sokrates zurück, der der Sohn einer Hebamme war, die in der Antike, im Gegensatz zu heute, nicht nur Ermöglicherinnen des Lebens waren, das nicht Lebensfähige auch töteten.

(24) Die mechané ( griechisch : μηχανή , mēkhanḗ ), Mechanismus oder Maschine war ein im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus an griechischen Theatern verwendeter Kran, der aus Holzbalken und einem Flaschenzugsystem bestand. Mit ihm wurde ein am Kran hängender Schauspieler, im „Flug“ aus der „Luft“ in das Bühnengeschehen eingeführt um beim Zuschauer die Überwältigung zu erzeugen, die Gläubige erfahren, wenn der Angebetet zu ihnen spricht… Daher der lateinische Begriff deus ex machina („Gott aus der Maschine “).

(25) Martin Burckhardt, „Philosophie der Maschine“, Klattentext, Matthes & Seitz, Berlin, 2018

(26) Zitiert aus: Hélène Parmelin, „Picasso dit“, Paris 1966

(27) Mark Epstein, „Gedanken ohne Denker – Wechselspiel Buddhismus Psychotherapie“ , Windpferd Verlag, Aitrang (Bayern), 2011

(28) Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus“, Werkausgabe, Bd 1, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

(29) Hannah Arendt, aus der „Vita activa oder Vom tätigen Leben“, S. 273, München, Piper, 1981

(30) Michel Foucault, zitiert aus dem Gespräch mit Marion Bourbon, „Die Suche nach unserem Innersten bringt keineswegs Ruhe“, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 18, „Die Stoiker“, Berlin 2021